Die Kernidee der regenerativen Landwirtschaft (ReLaWi) ist die Regeneration des Bodens – insbesondere des Bodenlebens und der Biodiversität; und sie bietet Lösungen für Hunger, Armut und Klimaveränderungen.
Boden in Österreich
Der Bodenverbrauch in Österreich ist 2025 wieder gestiegen - auf durchschnittlich 7,7 Hektar pro Tag. Damit sind wir vom politische Ziel (bis 2030) 2,5 Hektar proTag zu verbrauchen weit entfernt. Neue Siedlungs-, Betriebs- und Verkehrsflächen treiben den Bodenverbrauch weiter an, zerstören weiter Lebensraum. Noch immer wird viel zu oft auf der grünen Wiese gebaut wird, statt bestehende versiegelte Flächen zu nutzen oder zu entsiegeln. Tragisch da verbauter Boden dort fehlt, wo er dringend gebraucht wird: als Wasserspeicher, als Schutz vor Überschwemmungen, zur Kühlung in heißen Sommern und als Grundlage für unsere heimische Lebensmittelproduktion zur Sicherung unserer Ernährung und Erreichung von Ernährungssouveränität.
Österreich verfügt über ca. 2,67 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, wovon rund 1,32 Millionen Hektar (ca. 52 %) Ackerland sind. Ein Viertel der landwirtschaftlichen Betriebe arbeiten nach biologischen Richtlinien.

Mega-...
Die EU fördert über die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP). Die Regel: je mehr Hektar, desto mehr Geld (80 % der Gelder gehen dabei an 20 % der Betriebe). Dadurch bleiben kleinere Höfe auf der Strecke, Profiteure sind industriell geführte Betriebe der Agroindustrie mit ihren Pestiziden und chemischen Düngemitteln, die gleichzeitig zu den Treibern der Krisen gehören.
Motto: »Wachsen oder weichen.« ist weltweit die Devise. Dies führt zu Mega-Farmen, Mega-Massentierhaltungen, Mega-Maschinen, Mega-Umweltverschmutzung, Mega-Verlust der biologischen Vielfalt und Mega-Beiträgen zu den Klimaveränderungen auf der einen Seite und Mini-Einkommen und Minimal-Ernährung und -Gesundheit auf der anderen Seite.
Bereits im Jahre 2001 warnte der Hauptautor, der Studie der Universität von Kalifornien, David Tilman, dass in den nächsten 50 Jahren der Einsatz von Pestiziden, chemischen Düngemitteln und die Zerstörung von Lebensräumen ein großes Massenaussterben verursachen wird, das die biologische Vielfalt der Welt dezimiert und ihre Ökologie verändert. Die Warnung wurde ignoriert, wofür wir heute die Folgen tragen.
Gründe „Regenerative Landwirtschaft“ zu fördern
Für Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität braucht es nachhaltige Lösungen für Hunger, Armut und Klimaveränderungen, nicht nur bei uns. Um von der Agrogroßindustrie mit ihren negativen Folgen für Mensch und Umwelt wegzukommen, gibt es verschiedene Ansätze.
Vandana Shiva, eine weltweit bekannte indische Umweltaktivistin, Wissenschaftlerin und Autorin, hat seit Jahrzehnten den Kampf für Biodiversität, nachhaltige Landwirtschaft und soziale Gerechtigkeit geprägt. Sie fordert einen radikalen Wandel in der Art und Weise, wie wir unsere Lebensmittel anbauen, weg von den synthetischen Chemikalien zur Schädlingsbekämpfung und Düngung der Pflanzen. Dabei sei es notwendig alle drei Ebenen der nachhaltigen und gerechten Entwicklung – die soziale, die ökologische und die wirtschaftliche – einzubeziehen und zu integrieren. Den wichtigsten Anteil an allen drei Krisen hat das fossilbrennstoff-, chemie- und kapitalintensive System der nicht nachhaltigen industriellen Landwirtschaft, das die Umwelt, die öffentliche Gesundheit und die Lebensgrundlage der Bauern zerstört.
Die Schwere dieser Krisen ist ein klarer Hinweis darauf, dass das alte Paradigma der Landwirtschaft krachend gescheitert ist. Wie der UN-Bericht des International Assessment of Agriculture, Science, Technology, and Development (IAASTD) feststellt, ist »business as usual« keine Option mehr. Weder die Grüne Revolution noch GVO (Gentechnisch veränderte Organismen) können die Ernährungssicherheit gewährleisten.
Das industrielle Landwirtschaftsmodell wurde mit der Begründung eingeführt, dass es die Ernährungssicherheit erhöhe: durch eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und des Einkommens der Bauern. Während die Produktion einer Handvoll landwirtschaftlicher Erzeugnisse zunahm, ging die biologische Vielfalt der Kulturpflanzen – die für die Ernährung und Gesundheit von entscheidender Bedeutung ist – zurück. Industrielle Lebensmittel sind nährstoffarm und voller Giftstoffe, was die Unterernährung in Regionen verschlimmert und zu einem Dilemma der öffentlichen Gesundheit führt.
Diese negativen Auswirkungen auf den Planeten und die Gesellschaft sind Bestandteil des wissenschaftlichen Paradigmas und der Technologien der industriellen Landwirtschaft, von denen viele ihre Wurzeln in der Denkweise des Krieges haben. Diese Denkweise beruht auf einer militaristischen Sichtweise: Der Mensch wähnt sich im Krieg mit der Natur, die Bauern konkurrieren miteinander und die Länder sind in Handelskriege verwickelt. Die industrielle Landwirtschaft konzentriert sie sich auf den externen Eintrag von Chemikalien und vernachlässigt die Rolle und die Funktion der biologischen Vielfalt in lebendigen Samen und Böden sowie die Wasser- und Nährstoffkreisläufe, die das Klimasystem der Erde aufrechterhalten. Anstatt mit den ökologischen Prozessen zusammenzuarbeiten, die in der Agrarökologie verankert sind – und dabei die Gesundheit des gesamten Agrarökosystems und seiner vielfältigen Arten zu berücksichtigen – wurde die Landwirtschaft auf ein System mit externem Input reduziert und an giftige Chemikalien angepasst.
Wenn wir ökologische Nachhaltigkeit erreichen wollen, müssen wir raus aus dem „business als usual“. Die industrielle Monokultur-Landwirtschaft hat mehr als 75 Prozent der genetischen Pflanzenvielfalt zum Aussterben gebracht, und sehr viele Bienen sterben aufgrund von giftigen Pestiziden. Albert Einstein warnte, dass, wenn die letzte Biene verschwindet, auch die Menschheit verschwinden wird. Wie die FAO am Internationalen Tag der biologischen Vielfalt 2018 erklärte: Die biologische Vielfalt in der Landwirtschaft erhöht die Widerstandsfähigkeit, hilft den Landwirten, klimatische und wirtschaftliche Risiken zu verringern, und kann Produktivität, Stabilität, steigern
Paradigmenwechsel
Die industrielle Landwirtschaft arbeitet mit der Vorspiegelung, ein Paradigma, das auf einem Krieg gegen die Erde beruhe, sei die einzig verfügbare »Wissenschaft«, Chemikalien in der Landwirtschaft seien das beste Mittel, um die Ernährungssicherheit der Menschheit zu gewährleisten.
Im Gegensatz dazu entwickelt sich mit der Biodiversität, der Agrarökologie und dem regenerativen ökologischen Landbau ein wissenschaftliches und ökologisch robustes Paradigma der Landwirtschaft, das die dreifache Krise angeht. Anstatt den Boden, die Gesundheit und die ländlichen Lebensgrundlagen zu zerstören, werden sie erneuert und regeneriert. Anstatt giftige Chemikalien zu verwenden, die der Umwelt und der öffentlichen Gesundheit schaden, stützt sie sich auf die Vielfalt von Flora, Fauna und Mikroorganismen, die alle ihre jeweiligen ökologischen Funktionen haben.
Biologische Vielfalt, Agrarökologie und regenerative ökologische Landwirtschaft sind die ökologischen Praktiken, um Armut, Hunger und die vielfältigen Gesundheitsschäden anzugehen, die durch die chemie- und fossilbrennstoffintensive industrielle Landwirtschaft verursacht werden. Dies ist der notwendige Paradigmenwechsel, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen, wie sie von den Vereinten Nationen festgelegt wurden, insbesondere die Ziele 1 Keine Armut, 2 Hunger beenden und 3 ein gesundes Leben für alle.

Umsetzung
Wie die Forschung und Praxis in den letzten drei Jahrzehnten gezeigt habt, können wir durch die Erhaltung und Intensivierung der biologischen Vielfalt in Agrarökosystemen mehr Nahrungsmittel und Nährstoffe erzeugen, das Einkommen der Bauern erhöhen, den Boden, das Wasser und die biologische Vielfalt regenerieren und die Klimaveränderungen abschwächen, indem wir Kohlenstoff aus der Atmosphäre im Boden binden. In Österreich setzen beispielsweise Vorreiter im Marchfeld, im Waldviertel (Humusbewegung) sowie Bio-Landwirte auf diese Anbaumethoden. Leuchtturmbetriebe arbeiten eng mit Hochschulen wie der BOKU (Universität für Bodenkultur Wien) zusammen, um das Wissen weiterzugeben. Eine zukunftsweisende Vision, die bereits funktioniert und die es wert ist, auch hierzulande unterstützt und weiterentwickelt zu werden.
Eveline Steinbacher
Quellen. Bodenatlas, 2024, Österreich
Vandana Shiva, »Agrarökologie und echteregenerative Landwirtschaft – Nachhaltige Lösungen für Hunger, Armut und Klimaveränderungen