Wir verlieren Boden. Fruchtbaren Boden unter unseren Füßen. Warum? Während in Afrika oder China fruchtbarer Boden durch Überweidung, Erosion sowie die durch den Klimawandel verstärkte Wüstenbildung verloren geht, sind die Hauptursachen für die Verluste in Europa Flächenversiegelung, Bodenverdichtung oder falsche Landbewirtschaftung.

Zehn Millionen Hektar fruchtbare Ackerbödengehen im Jahr verloren

Weniger als ein Drittel der Erdoberfläche entfällt auf Landfläche und lediglich zwölf Prozent der Erdoberfläche sind landwirtschaftlich nutzbar. Täglich wird die Fläche, die eine stetig wachsende Weltbevölkerung ernähren soll, weniger. Laut Klaus Töpfer, Chef des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), gehen weltweit pro Jahr 20 Milliarden Tonnen Boden verloren. Wir verlieren rund zehn Millionen Hektar fruchtbare Ackerfläche im Jahr. Bei einer weltweiten Fläche von ca. 1,5 bis 1,6 Milliarden Hektar heißt das, dass in einem Jahrzehnt rd. sechs Prozent fruchtbarer Boden verschwinden. Nach unterschiedlichen Schätzungen sind zumindest ein Drittel bis die Hälfte aller landwirtschaftlich genutzten Böden weltweit bereits geschädigt. Jahr für Jahr zerstört die Menschheit weltweit Acker- und Weideflächen in der Größe von Österreich plus Niederösterreich. Der jährliche Bodenverbrauch der EU entspricht mit rund 1.000 Quadratkilometern fast der Fläche aller österreichischen Landeshauptstädte zusammen.

Der tägliche Bodenverbrauch in Österreich lag 2025 bei durchschnittlich 7,7 Hektar. Hauptverantwortlich dafür waren laut WWF die Siedlungsflächen (ca. 4,3 Hektar pro Tag), gefolgt von Betriebsflächen (2,6 Hektar pro Tag) sowie Verkehrsflächen (0,9 Hektar pro Tag), davon zum überwiegenden Teil Straßen. „Viel zu oft werden neue Gebäude in Österreich auf der grünen Wiese errichtet, wodurch sich die Zersiedelung mit ihren Straßen, Gewerbegebieten und Logistikzentren weiter in unsere Landschaften frisst”, kritisiert Simon Pories (WWF).

Durch Bodenverbrauch und -versiegelung verliert der Boden wichtige Funktionen, die in Zeiten zunehmender Klimafolgen besonders relevant sind. Das Risiko für lokale Überschwemmungen steigt, die Grundwasservorräte füllen sich weniger auf und im Sommer bilden sich verstärkt Hitzeinseln, warnt der WWF. Insgesamt wurden 2025 rund 28 Quadratkilometer Fläche verbraucht, etwa 60 Prozent davon sind versiegelt. Damit liegt der Bodenverbrauch weiterhin deutlich über dem politischen Ziel von 2,5 Hektar pro Tag, das rechnerisch bereits am 29. April überschritten wurde. Für die Lebensmittelproduktion, als CO2-Speicher oder Lebensraum stehen diese Flächen nicht mehr zur Verfügung.

Bodenverbrauch und Klimakrise

Die zunehmende Hitze plagt Menschen und Tiere am Land und in den Städten. Bei Letzteren auch deshalb, da dort Bäume und Grünflächen Straßen- und Bauprojekten geopfert werden.

Die mit den hohen Temperaturen einhergehende Trockenheit setzt aber auch Wäldern und Mooren massiv zu. Beide Ökosysteme leiden unter Wassermangel, was zu weitreichenden ökologischen Schäden und einem gefährlichen Kippeffekt führt: Anstatt das Klima zu schützen, setzen sie gespeichertes CO2 frei. Wassermangel führt zu Photosynthese-Stopps. Die geschwächten Bäume werfen vorzeitig Blätter ab oder vertrocknen und können sich chemisch kaum gegen Schädlinge wie den Borkenkäfer wehren. Zudem wächst die Waldbrandgefahr durch ausgetrocknete Böden und Kronen. In den alpinen Regionen Österreichs führt die Bodenerwärmung zu einem rasanten Anstieg der Permafrostgrenze. Dies destabilisiert Felswände und erhöht die Gefahr von Bergstürzen und Muren.

Verloren geht Boden aber auch durch die agrarindustrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und Massentierhaltungen. Exzessiver Pestizid- und Düngemitteleinsatz führt zu Wasserverschmutzung, Bodenauslaugung und abnehmender Artenvielfalt. Laut Landwirtschaftskammer verliert Österreich jährlich rund sechs Tonnen fruchtbaren Bodens pro Hektar durch Wasserabtrag, während die Natur nur etwa 0,6 Tonnen nachbildet. Nicht zu vergessen: Klimaveränderung bringt bei uns verstärkt Hitzewellen mit Bodentemperaturen über 50 Grad- nicht nur auf Straßen und verbetonierten Flächen, sondern auch auf den Äckern und Feldern. Die aktuellsten Daten von GeoSphere Austria zeigen, dass die gemessene Erwärmung die früheren Modellrechnungen (wie die Szenarien ÖKS15) sogar noch überholt hat – die Böden in Österreich stehen unter so hohem Hitze- und Trockenstress wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Durch die Zunahme von Hitzetagen über 30 °C (wie zuletzt bei der Rekord-Hitzewelle im Juni 2026) heizen sich unbedeckte Oberböden im Sommer regelmäßig auf weit über 40 bis 50 Grad auf, wodurch viele der essenziellen Mikroorganismen, Bakterien und Pilze absterben. Dies stoppt die Humusbildung und verschlechtert die Bodenstruktur.  Zudem wird vermehrt klimaschädliches CO2 aus dem Boden freigesetzt.

In der Landwirtschaft steigt auf trockenen Böden der Wasserbedarf von Gemüse-, Obst- und Sonderkulturbetrieben enorm an. Ohne ausreichende Bewässerung leiden Qualität und Ertrag. Das wiederum gefährdet die lokale Versorgung und die Unabhängigkeit von Importen. Verkürzte Frostperioden lassen Pflanzen außerdem früher austreiben, was dazu führt, dass pflanzenschädigende Insekten die die kurze Kälteperiode in größerer Zahl überleben, und Spätfröste die Pflanzen schädigen können.

Ernährungssouveränität

Fruchtbarer Boden, der uns ernährt, CO2 speichert und Ernährungssouveränität ermöglichen könnte, geht also vielerorts verloren oder ist gefährdet. Immer weniger fruchtbare Flächen müssen die Bedürfnisse von immer mehr Menschen stillen. Ernährungssouveränität zu erreichen wird immer schwieriger, wenn wir weiter machen wie bisher. Die Chance, in vielen Bereichen von Lebensmittelimporten aus dem Ausland unabhängiger zu werden, wird verspielt. Wir spüren die Klimakrise längst im Alltag: Unwetter werden häufiger und heftiger und verursachen massive Schäden – ganze Ernten fallen aus. Umso wichtiger ist es, unsere noch vorhandenen Agrarflächen konsequent vor Verbauung zu schützen. Sie sind nicht nur Kohlenstoff- und Wasserspeicher, sondern die Grundlage dafür, dass die Lebensmittelversorgung im eigenen Land auch künftig sichergestellt ist. Wenn fruchtbarer Boden weiter durch Beton und Asphalt zerstört wird, verlieren wir unwiederbringlich Produktionsflächen – und erhöhen unsere Abhängigkeit von Importen. Das ist nicht nur eine Umwelt- oder Wirtschaftsfrage, sondern eine Frage der nationalen Sicherheit. Warum? Versorgungssicherheit ist Sicherheitsvorsorge, wie uns die aktuelle geopolitische Lage lehrt. Gerade deshalb müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir selbst in der Hand haben: die Ressourcen im eigenen Land zu sichern und die heimische Produktion zu stärken.

Was tun? 

Fachleute sehen z. B. effiziente Bewässerungssysteme, wassersparende Technologien und einen verbesserten Humusaufbau als zentrale Anpassungsmaßnahmen. Humusreiche Böden können Niederschläge länger speichern und helfen dabei, Trockenphasen besser zu überstehen. Der Anbau von trockenheitsresistenten Sorten, die Anlegung von Beschattungslinien und der Beherzigung des Grundsatzes, Wasser wenn möglich nicht zuzuführen, sondern im Boden zu halten, wären weitere Schritte zur Ernährungssicherung Eine Umstellung auf agrarökologische, biologische Landwirtschaft erhält die Bodenfruchtbarkeit und produziert gesündere Lebensmittel. Dafür braucht es ausreichende Förderungen, Geld, das in unsere Zukunft investiert wird.

Um den Bodenverbrauch effektiv auf das politisch angestrebte Ziel von 2,5 Hektar pro Tag zu reduzieren, bedarf es strenger raumplanerischer Maßnahmen und nachhaltiger Baupraktiken. Dafür ist es notwendig, endlich damit aufzuhören, Boden durch Bauprojekte wie z. B. Rechenzentren (siehe Seite 12), Einkaufszentren ... weiter zu vernichten. Vor der Neuausweisung von Bauland müssen bestehende Leerstände und ungenutzte Industriebrachen zu reaktivieren werden. Oder flächensparend Bauen: anstatt in die Breite (z. B. Einfamilienhaussiedlungen auf der grünen Wiese) zu bauen, vermehrt in die Höhe bauen. Und brauchen wir wirklich noch mehr Autobahnen, die mehr Verkehr, Umwelt- und Gesundheitsbelastungen bringen?

Wissenschaftliche Beobachtungen belegen eine deutliche Häufung und Intensivierung von Wetterextremen wie Hitzewellen, Dürren, Starkregen und Hochwasser. Hauptursachen sind der Klimawandel und globale Wetterphänomene, die zu starken Abweichungen vom lokalen Durchschnitt führen. Anpassungsmaßnahmen reichen nicht aus. Es gilt, den von uns verursachten Beitrag zur Klimakrise zu stoppen und Gelder für den Erhalt dieses Planeten in die Hand nehmen. Statt Milliarden in Militarisierung, Versiegelung und utopische Projekte zu stecken, ist die zuständige Politik aufgefordert, diese in Projekte zur Rettung unserer Lebensgrundlagen, für ein Überleben aller zu investieren. Verlieren wir nicht den Boden unter unseren Füßen - schützen wir ihn. 

Eveline Steinbacher


Quellen


Erduebelastung

 

Erdüberlastungstag

Der World Overshoot Day (Erdüberlastungstag) wird jährlich vom Global Footprint Network berechnet. Er markiert den Tag im Jahr, an dem die Menschheit rechnerisch alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat, die die Erde im gesamten Jahr nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Dieser Tag fällt 2026 auf den 30. Juli. Der Überlastungstag wird auch für die einzelnen Länder eruiert. In Österreich war es bereits am 2. April so weit. Würde die gesamte Weltbevölkerung auf dem hohen Konsum- und Emissionsniveau der Österreicher leben, bräuchten wir rechnerisch vier Erden.