Mit einem neuen EU-Omnibus-Gesetzespaket soll der Pestizid und Chemieindustrie ein Freifahrtsschein ausgestellt werden. Auf der Strecke bleibt unsere Gesundheit.
Die Versorgung mitlebenswichtigen Gütern - was angebaut wird und letztlich auf unseren Tellern landet - kontrollieren heute wenige Agrarkonzerne. Sie dominieren die Märkte und Preise – von den landwirtschaftlichen Betriebsmitteln über das Saatgut, Pestizide, den Anbau der Nahrungsmittel, die Verarbeitung bis hin zum Einzelhandel. Dadurch wird die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität gefährdet. Durch Krisen verursachter Mangel an diesen Gütern führt zu gesellschaftlichen Spannungen und Misstrauen. Pandemien und Kriege zeigen die Fragilität globaler Agrarlieferketten. Eine kleine Zahl sehr großer Konzerne beherrscht die gesamte Lieferkette - insbesonere bei Pestiziden, Dünger, Saat und Landmaschinen (sh. Grafik). Opfer dieses Konkurrenzdrucks sind u.a. kleine und mittelständische landwirtschaftliche Betriebe; das führt zu Höfesterben und Landflucht.
Lobbyarbeit und Einflussnahme der Agrarindustrie
Eine mächtige Lobby internationaler Agrarkonzerne beeinflusst Klima-, Landwirtschafts- und Ernährungspolitik weltweit und sie nehmen direkten Einfluss auf die Politik, damit die Konzerne an deren Geschäftsmodellen nichts ändern müssen und um nachhaltige Landwirtschaft zu behindern. Das führt dazu, dass u.a. Gesetze zum Schutz der Umwelt oder der menschlichen Gesundheit verhindert werden. Ungefähr jeder siebte Todesfall in Deutschland und Österreich ist auf ungesunde Ernährung zurückzuführen. So spielen global tätige Fleisch- und Milchkonzerne mit gekauften Studien gezielt den Beitrag der Tierhaltung zur Klimakrise herunter obwohl sie erheblich dazu beiträgt.
Besonders die Pestizidkonzerne versuchen immer wieder, auf die Zulassung ihrer Produkte Einfluss zu nehmen. Neun Lobbygruppen der Agrarchemiebranche gaben zwischen 2020 und 2023 über 50 Millionen Euro aus, um die Reduktion von Pestiziden auf EU-Ebene zu untergraben.
Das geht zulasten kleiner Hersteller und der Allgemeinheit und führt zu Abhängigkeit von wenigen großen Unternehmen. Wer davon profitiert, ist klar: Konzerne wie Bayer und BASF & Co. Die Verlierer*innen? Verbraucher*innen und Kleinbäuer*innen und die Umwelt weltweit. Die Lebensmittelpreise und die Belastung für die Umwelt steigen, während die Gewinne der Konzerne zunehmen.

Frontalangriff auf Umwelt, Gesundheit und Gesellschaft
Anstatt Pestizide endlich einzuschränken und stärken zu regulieren, will die EU-Kommission nun das genaue Gegenteil: Mit dem neuen „Food and Feed Safety Simplification Omnibus“ würde die Zulassung von Pestiziden weitgehend dereguliert, ohne zeitliche Begrenzung und Möglichkeit zum Widerruf. Das würde nicht nur zu noch mehr Ackergiften auf den Feldern führen – zum Schaden von Mensch und Umwelt -, sondern zudem Rechtsstaatlichkeit, Wissenschaft und Demokratie untergraben. Und das geschieht, obwohl der Europäische Gerichtshof in Luxemburg im Jahr 2026 festgestellt hat, dass die bisherige Praxis der EU-Kommission, Genehmigungen für Pestizide wie Glyphosat nach Auslaufen ihres Geltungszeitraums routinemäßig zu verlängern, rechtswidrig ist. Nun drohen Schutzstandards und regelmäßige Risikobewertungen mit dem Omnisbus-Gesetzespaket abgeschafft zu werden. Das bedeutet, dass etwaige neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Risiken für Mensch und Natur nicht mehr in die politischen Entscheidungsprozesse eingebunden werden müssten und somit folgenlos blieben – es wäre ein Freifahrtschein für die gesamte Chemie- und Pestizidindustrie, ohne Aufsicht, Kontrolle oder Korrekturmechanismen - ein Frontalangriff auf Umwelt, Gesundheit und Gesellschaft.
Das konterkariert die Bemühungen, dem Verlust weiterer Ökosysteme, der biologischen Vielfalt und dem Insekten- und Artensterben entgegenzuwirken, wofür die industrielle Landwirtschaft mit Pestiziden und synthetischen Düngemitteln ein Haupttreiber ist und den Klimawandel beschleunigt.
Das Verschwinden von Insekten wirkt sich nicht nur auf viele andere Arten und ganze Ökosysteme aus, sondern hat auch durch deren Bestäubungsfunktion direkten Einfluss auf Ernten und somit die Ernährungssicherheit. Tiere und Wildpflanzen sowie die Bodengesundheit mit ihren äußerst wichtigen Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze werden durch Pestizide beeinträchtigt, wie eine kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „nature“ veröffentlichten Metastudie zeigt.
Ein Artikel in The Science Times erklärt: „Der Schutz von Insekten ist nicht nur für die Tierwelt von entscheidender Bedeutung, sondern auch für das Überleben der Menschheit und die Widerstandsfähigkeit der Ökosysteme weltweit“.
Elizabeth Maruma Mrema, Exekutivsekretärin des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) erklärt, dass 50% der globalen Wirtschaftsleistung direkt von der Natur abhängig sind. „Wir zerstören die Natur, obwohl unser Einkommen, unser Essen, unsere Gesundheit und die Luft, die wir atmen, von ihr abhängen.“
Gesundheitsrisiken ungeklärt
Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Pestizid. Bis dato wurden schätzungsweise hunderte wenn nicht tausende Studien dazu durchgeführt. Nun kam heraus, dass die bei weitem am meisten zitierte Studie von allen, die besagt, dass Glyphosat unschädlich sei, vom Hersteller Monsanto manipuliert und deshalb kürzlich vom publizierenden Fachjournal zurückgezogen wurde.
Die WHO hat Glyphosat bereits 2015 als „wahrscheinlich krebserregend bei Menschen“ eingestuft. Dies wurde nun durch die „Global Glyphosate Study“, der bisher umfassendsten toxikologischen Untersuchung zum Thema unter der Beteiligung von Universitäten und Instituten aus Italien, den USA und Dänemark bestätigt: Das karzinogene Potenzial von Glyphosat, vor allem im Bezug auf Leukämie, greift bereits bei Dosen, die bisher von Zulassungsbehörden als „sicher“ angesehen wurden. Doch auch neurologische Erkrankungen wie Parkinson, was bereits als Berufskrankheit bei Landwirten und Winzern anerkannt ist, gehören zu den Risiken.
Forscher aus ganz Europa sind bezüglich der Deregulierungspläne der EU-Kommission alarmiert. In einem gemeinsamen Statement zu den im Omnibus-Paket vorgeschlagenen Änderungen stellen sie fest, diese: „...gefährden eine robuste Pestizid-Risikobewertung, den Schutz von Umwelt, Biodiversität und Gesundheit.“

Pestizid-Bumerang
Länder der EU und auch Österreich exportieren gefährliche Pestizide, die in der EU nicht mehr zugelassen sind, in Drittländer. Von 2013 bis 2025 wurden 2.174 Exporte gefährlicher Substanzen aus Österreich gemeldet. Darunter Pestizide wie Imidacloprid und Thiamethoxam, diese sind hochgiftig für Lebewesen. Die NGO Foodwatch warnt vor einem „Pestizid-Bumerang“ bei Bananen, Birnen, Langkornreis usw. (sh. Grafik): In Österreich verbotenen Pestizide werden exportiert und kehren über den Import von Lebensmittel auf unsere Teller zurück.
Alternative Landwirtschaftsmodelle
Alternativen zu konventionellen Lebensmittelversorgungssystemen bieten z.B. die solidarischen Landwirtschaftsmodelle. Dabei finanzieren Konsumenten die Arbeit der Landwirte vor Ort und bestimmen gemeinsam, was angebaut wird. Im Gegenzug erhalten sie günstigeres Obst, Gemüse und andere Lebensmittel - nachhaltig und regional erzeugt, wodurch sich auch der CO2 Abdruck verringert. Der Vorteil für die Erzeuger*innen sie erhalten mehr Geld für ihre Produkte, als wenn sie ihre Ernte bei den großen Lebensmittelketten abliefern. Die Regionalisierung der Lebensmittelversorgung ist entscheidend, um den Zugang zu gutem Essen zu verbessern und Ernährungssouveränität zu fördern. Auch Genossenschaften bieten eine alternative Struktur zur herkömmlichen Lebensmittelversorgung und fördern faire Preise.
Änderung der politischen Rahmenbedingungen
Vor allem aber brauchen wir eine Veränderung der politischen Rahmenbedingungen. Wenn wir uns, unsere Kinder und Nachkommen vor Vergiftungen durch Pestizide schützen wollen, ist es dringend notwendig, den Ausstieg aus der Pestizidverwendung zu forcieren und den Umstieg auf Alternativen, wie die regionale, ökologisch-biologische Landwirtschaft zu fördern. Um die Macht der (Pestizid)konzerne zu überwinden bzw. einzuhegen, braucht es letztendlich den Ausstieg aus den neoliberalen Freihandelsabkommen. Das größte – und für Österreich folgenreichste – ist zweifellos die Europäische Union.
Eveline Steinbacher
Quelle: Konzernatlas 2026