Die Arbeitsbedingungen in der Pflege werden immer prekärer. Daher ist es wichtig, die Betroffenen selbst zu hören. Rudi Schober sprach mit Virginia Gutierrez Fernandez, die lange Jahre im Behindertenbereich gearbeitet hat.
Frage: In welchem Bereich arbeitetest du wie lange schon?
Virginia Gutierrez Fernandez: Ich arbeite seit April vergangenen Jahres in einem Krankenzentrum, weil ich in der Ausbildung zur klinischen Psychologin bin. Davor habe ich zehn Jahre im Behindertenbereich in einer betreuten Gruppe gearbeitet.
Frage: Betreute Gruppe, was heißt das?
Virginia Gutierrez Fernandez: Das ist eine Wohngruppe von Menschen mit kognitiven, teilweise auch körperlichen Beeinträchtigungen, die 24 Stunden Betreuung benötigen.
Frage: Wie kann man sich so einen Arbeitstag vorstellen?
Virginia Gutierrez Fernandez: Es gibt Frühdienste, Spätdienste und Nachtdienste. Idealerweise arbeitet man zu zweit. Im Dienst sind organisatorische und logistische Tätigkeiten mit pflegerischen und pädagogischen Tätigkeiten verbunden, auch Dokumentation und Haushaltstätigkeiten sind in den letzten Jahren immer mehr geworden. Es gibt verschiedene Wohnungen. Dort wo ich gearbeitet habe, waren vier BewohnerInnen. Die meisten waren körperlich sehr beeinträchtigt und hatten einen großen Pflegebedarf.
Frage: Wie hat sich der Pflegeaufwand bzw. der Personalstand entwickelt?
Virginia Gutierrez Fernandez: Es hat sich vieles geändert. Mit der Zeit ist ein Teufelskreis entstanden: Die Arbeit ist aufwändiger und intensiver, das Personal aber weniger geworden. Dadurch wurde die Arbeit unattraktiver für neue MitarbeiterInnen, sodass der Personalmangel zugenommen hat. Dort wo ich gearbeitet habe, sind die BewohnerInnen mit der Zeit auch pflegebedürftiger geworden. Der pflegerische Anteil der Arbeit ist immer größer geworden und hat mehr Zeit gebraucht.
Frage: Wir wirkt sich das beim Klienten aus?
Virginia Gutierrez Fernandez: Sie bekommen dann weniger Aufmerksamkeit außerhalb der Pflege. Gerade Menschen mit großen kognitiven Beeinträchtigungen können das dann nicht nachvollziehen. In unserem Team haben wir uns sehr um die pädagogische Arbeit mit den Menschen gekümmert, also uns bemüht, inklusiv zu arbeiten, die Menschen mit Beeinträchtigungen in der Bevölkerung präsent zu halten. Aber trotz dieser Mühe hat diese pädagogische Arbeit unter dem Personalmangel gelitten, ist immer ein bisschen weniger geworden, obwohl gerade dieser Teil der Arbeit für das Wohlbefinden und die Teilhabe sehr wichtig ist. Die Menschen brauchen mehr als nur „warm, satt, sauber“, sie haben auch bestimmte Vorstellungen, Wünsche, Ideen und Fähigkeiten, die sie in die Gesellschaft einbringen können.
Die Menschen brauchen nicht nur körperliche, sondern auch seelische Pflege. Wir haben Gespräche mit unseren KlientInnen, um abzuklären, was können sie, was brauchen sie, was wollen sie. Dieser Teil der Arbeit ist so wichtig, wie die Pflege selbst. Die Menschen im Behindertenbereich aber auch in den Seniorenheimen sollen die Gelegenheit haben, sich auszudrücken. Manche wollen Ruhe haben oder andere Menschen treffen, auf Urlaub fahren oder Veranstaltungen besuchen, massiert werden oder in einem Theaterstück mitspielen. Der Mensch ist nicht nur ein Körper, sondern auch ein Herz und eine Seele.
Frage: Du hast über Kürzungen und Spardruck gesprochen. Wie seid ihr mit solchen Kürzungen umgegangen?
Virginia Gutierrez Fernandez: Ich habe in einem Team gearbeitet, wo sich jeder Gedanken gemacht hat, wie wir trotzdem die Zeit am besten nutzen können, um die Wünsche und Bedürfnisse der BewohnerInnen, die außerhalb der Grundbedürfnisse wie Essen und Hygiene liegen, wie soziale Kontakte und Teilhabe auch erfüllen zu können. Da kommt man manchmal schon an die Grenzen und die pädagogische Arbeit ist leider immer weniger geworden.
Frage: Die Kürzungen und Spardruck kommen ja letztlich aus der Politik. Wie ist die Stimmung im Betrieb dazu?
Virginia Gutierrez Fernandez: Für die Einrichtungen ist es sehr schwierig, weil sie bestimmte Ziele erreichen müssen, um den Auftrag weiter zu bekommen. Sie bekommen also weniger Ressourcen, und sollen damit höhere Ziele erreichen. Vor ein paar Jahren hatten wir eine Infoveranstaltung über die nächsten bevorstehenden Sparmaßnahmen. Nach dieser Veranstaltung hatte ich die Idee, dass wir etwas tun müssen, damit die Bevölkerung mitbekommt, was sich bei uns alles tut. Daraus ist diese Bewegung „sozial betrOFFEN“ (1) entstanden, die versucht, unsere Realität sichtbar zu machen, damit die Bevölkerung versteht, was in unserem Bereich passiert. Gerade weil wir keine große Lobby haben, ist es wichtig, dass die Bevölkerung auf unserer Seite steht. Dann haben wir ein Druckmittel. Wir müssen laut werden, sonst haben wir keine Möglichkeit, Druck bei Verhandlungen zu machen.
Frage: Was würdest du dir wünschen, wie diese Arbeitsplätze ausschauen?
Virginia Gutierrez Fernandez: Das Erste ist mehr Geld, weil genügend Personal einfach Geld kostet, um die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen, von alten Menschen zu ermöglichen. Ich bin überzeugt: Eine Gesellschaft, wo Menschen mit Beeinträchtigung aktiv und sichtbar sind, ist eine bessere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, wo solche Menschen zu Hause bleiben müssen, weil die Ressourcen fehlen, damit sie teilhaben können, ist eine schlechtere Gesellschaft.
Frage: Ist der Beruf der Pflege ein schöner Beruf?
Virginia Gutierrez Fernandez: Ich habe mich in der Pflegearbeit lange Jahre sehr wohl gefühlt. Es ist ein schöner Austausch, man kann sehr viel lernen, auch Spaß haben. Meine Meinung ist, dass die Motivation der KollegInnen in diesem Beruf nicht ist, reich zu werden, es geht vielmehr um soziales Engagement, um Freude, mit Menschen zu arbeiten und sich als Mensch zu entwickeln. In diesem Sinn ist es eine tolle Arbeit.