Bei der Streikkundgebung der Beschäftigten der Ordensspitäler am 3. März in Linz wurde einige Berichte aus dem Spitalsalltag verlesen. Sie zeigen auf, wie fehlende Ressourcen die Beschäftigten zermürben. Hier ein Beispiel aus der Notaufnahme.
Dieses Beispiel soll die alltägliche Realität im Tragen- und Untersuchungsbereich einer Notaufnahme beschreiben – einem Bereich mit den höchsten Anforderungen an Beobachtungsgabe, klinisches Denken und Reaktionsgeschwindigkeit. Tag für Tag betreten unzählige Patient:innen die Notaufnahme – schwerkranke ebenso wie scheinbar stabile.
Sie kommen mit den unterschiedlichsten Beschwerden, Diagnosen oder unklaren Symptomen. Manche wirken bei der Triage zunächst nicht akut krank. Doch im Verlauf ihres Aufenthalts kann sich ihr Zustand dramatisch verschlechtern – bis hin zur vitalen Bedrohung.
Ein klassisches Beispiel dafür ist die Sepsis, umgangssprachlich „Blutvergiftung“. Die Sepsis ist ein hochzeitsensitives Krankheitsbild. Jede Stunde zählt. Je später sie erkannt wird, desto geringer ist die Überlebenswahrscheinlichkeit. Wir sprechen hier nicht von Tagen – sondern von Stunden. Anhand eines Scores lässt sich mithilfe weniger Vitalparameter rasch ein Verdacht auf ein septisches Geschehen formulieren. Doch nicht jede Patientin und nicht jeder Patient zeigt beim Betreten der ZNA bereits eindeutige Symptome.
In diesem Fall handelte es sich um eine Patientin mittleren Alters, die vom Hausarzt aufgrund eines Harnwegsinfekts und „schlechter Laborwerte“ in die ZNA überwiesen wurde. Bei Aufnahme war sie vital stabil. Sie erhielt Schmerzmittel, eine Blutabnahme, ein EKG sowie ein kontinuierliches Monitoring der Vitalfunktionen – Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Blutdruck. Standardversorgung. Dann begann der Strudel des Alltags. Zwei Pflegekräfte waren für mindestens 18 Tragenplätze sowie zusätzlich für fußläufige Patient:innen im Wartebereich zuständig. Immer wieder betraten neue Patient:innen die Notaufnahme. CT-Transporte mussten organisiert werden, erneute Blutentnahmen standen an, pflegerische Maßnahmen waren notwendig, Toilettengänge mussten begleitet werden. Klingeln. Fragen. Übergaben. Dokumentation. Zeit wurde zur knappsten Ressource.
In dieser Phase entwickelte die Patientin unbemerkt ein septisches Krankheitsbild. Die Blutdruckmanschette war verrutscht – der Blutdruck wurde nicht mehr adäquat gemessen. Bei einer Sepsis spricht man von der „Golden Hour“. Wird sie innerhalb der ersten Stunde erkannt und konsequent mit Volumengabe und einer kalkulierten Breitbandantibiose behandelt, sinkt das Risiko für einen septischen Schock erheblich. Bleibt die Sepsis in dieser entscheidenden Phase unerkannt, steigt das Risiko für Multiorganversagen dramatisch an.
Vier Stunden nach der Schichtübergabe fand das Pflegepersonal der Spätschicht eine kaltschweißige Patientin im manifesten septischen Schock vor – bereits im beginnenden Multiorganversagen. Sie musste noch im Schockraum intubiert und anschließend auf die Intensivstation verlegt werden. Vier Stunden. Mit ausreichendem Personal wäre es möglich gewesen, auch Patient:innen ohne aktuell offene ärztliche Arbeitsaufträge regelmäßig zu re-evaluieren – Vitalparameter zu kontrollieren, subjektives Befinden zu erfragen, klinische Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen. Die Sepsis wäre wahrscheinlich rechtzeitig erkannt worden. Die Verschlechterung wäre aufgefallen. Ein prolongierter Intensivaufenthalt möglicherweise vermeidbar gewesen.
Auch Patient:innen, die initial nicht schockraumpflichtig sind, können es im Verlauf werden. Die Notaufnahme ist keine statische Struktur – sie ist ein dynamisches System. Eine Wundertüte voller unklarer Verläufe. Jede Einschätzung ist eine Momentaufnahme. Eine Triage ermöglicht eine valide Ersteinschätzung. Doch Notfallpatient:innen müssen kontinuierlich neu bewertet werden. Das erfordert Zeit. Aufmerksamkeit. Personal.
Eine Betreuungssituation von 1:4 ist notwendig, um dieser Verantwortung gerecht zu werden – denn grundsätzlich muss davon ausgegangen werden, dass jede Person, die die Notaufnahme betritt, potenziell schwerstkrank sein könnte. Zumindest so lange, bis Laborwerte – oft erst 90 Minuten nach Blutentnahme – ausgewertet sind und sich das klinische Bild verdichtet.
Bis dahin bleibt nur eines: Wachsamkeit. Und die braucht Ressourcen.