Hans Linsmaier war Betriebsratsobmann in der Voestalpine in Linz. Er schildert seine Erfahrungen mit Kollektivvertragsverhandlungen und wirft Fragen auf.
Ich möchte euch schildern, wie ich die Kollektivvertragsverhandlungen in den Jahren 2008 und 2009 erlebt habe – damals war ich Mitglied der großen Verhandlungsrunde.
Es gab immer zwei Teams: ein großes und ein kleines Verhandlungsteam. Das kleine Team führte die direkten Gespräche mit den Unternehmervertretern und berichtete danach dem großen Team über die Zwischenergebnisse. Diese wurden offen diskutiert – jede und jeder konnte seine Meinung einbringen.
Ich erinnere mich gut an den heuer verstorbenen PRO-GE-Vorsitzenden Rainer Wimmer, der die Forderungen oft sehr mutig formulierte. Manchmal fragte ich mich, ob diese Ziele nicht zu hoch gegriffen seien. Doch am Ende wurde immer demokratisch entschieden, wie weiterverhandelt wird – bis ein Ergebnis stand. Natürlich gab es bei jedem Abschluss auch Kritik, vor allem von Betrieben, denen es wirtschaftlich nicht gut ging. Manche fürchteten, dass ein zu hoher Abschluss Arbeitsplätze gefährden könnte. Trotzdem empfand ich den gesamten Prozess als fair und solidarisch.
Trotzdem bleiben für mich zwei Fragen:
- Zahlen wir uns die Lohnerhöhung am Ende selbst?
Oft war die Reaktion der Unternehmensleitungen nach einem Abschluss, dass die Personalabteilung sofort über Einsparungen nachdachte. Wenn durch Rationalisierungen und steigende Produktivität die Lohnerhöhung wieder kompensiert wird – wer profitiert dann wirklich? - Wer sind die Gewinner des Wachstums? Wir reden ständig von Wirtschaftswachstum, um im Wettbewerb nicht zurückzufallen. Doch die Gewinne werden selten gerecht verteilt. Durch Rationalisierung sinken die Arbeitskosten – aber wer hat tatsächlich etwas davon?
Ich weiß, es klingt fast utopisch, aber meine Vision war immer:
„Teilen wir den Gewinn unserer Arbeit gerecht auf.“
Manchmal gibt es mehr, manchmal weniger – aber es sollte für alle reichen.
Ich war über 35 Jahre gewerkschaftlich aktiv, in verschiedensten Funktionen. Der ÖGB und seine Teilgewerkschaften haben in den letzten Jahrzehnten viel gute Arbeit geleistet. Aber das heißt nicht, dass man sich nicht weiterentwickeln kann.
Ich bin überzeugt: Wir brauchen wieder den Mut, Visionen als Ziele zu haben.