Antisemitismus gibt es in vielfältiger, gefährlicher Form. Aber wir tun gut daran, genauer hinzuschauen. Ein Diskussionsbeitrag zum Thema Antisemitismus.

Hört und schaut man die aktuellen Mainstream-Medien, dann bekommt man den Eindruck, dass überall dort, wo sich Menschen von unten politisch zu engagieren beginnen, sofort der Antisemitismus sein hässliches Haupt erhebt: ob bei den Gelbwesten in Frankreich, beim linken Labourflügel in Großbritannien oder bei der „Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ – überall wird sofort der Antisemitismusvorwurf laut. Viele Menschen, die misstrauisch gegenüber den permanenten fake-news der Mainstream-Medien geworden sind, ziehen daraus den Schluss, dass Antisemitismus eine Fata Morgana sei, die immer dann von den Medien herbeigeredet wird, wenn es darum geht, soziale Bewegungen madig zu machen, die dem Establishment weh tun. Ich halte diese Sichtweise für falsch. Antisemitismus ist keine Fata Morgana. Es gibt ihn in vielfältiger, gefährlicher Form. Aber wir tun gut daran, genauer hinzuschauen.

Antisemitismus als „Antikapitalismus des dummen Kerls“

Rassismus richtet sich zumeist „gegen die da unten“, gegen Menschengruppen, Völker, Religionen, die als „minderwertig“ abgestempelt werden. Der Herrschaftsnutzen liegt auf der Hand: Die Unteren sollen gegen noch weiter unten Stehende aufgehetzt werden, um sie leichter vor den Karren der Herrschenden spannen zu können. Teile und herrsche, das wussten bekanntlich schon die Römer. Der Antisemitismus ist eine spezielle Variante des Rassismus, die sich – scheinbar – „gegen die da oben“ wendet. Die Juden und Jüdinnen werden nicht als minderwertig, sondern als besonders schlau, durchtrieben und raffgierig, ausgestattet mit einem quasi genetischen Drang zur Weltherrschaft denunziert. Auch hier liegt der Herrschaftsnutzen auf der Hand: Wenn die sozialen Gebrechen einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung schon nicht mehr schöngeredet werden können, so kann doch die Schuld nicht den Herrschaftsverhältnissen und ihren Nutznießern, sondern einem bestimmten Volk bzw. Religion in die Schuhe geschoben werden. „Der Antisemitismus ist der Antikapitalismus des dummen Kerls“, brachte das Ferdinand Kronawetter, ein linker Wiener Politiker an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, auf den Punkt, als er erlebte, wie die Mächtigen versuchten, die sozialen Missstände antisemitisch zu kanalisieren, um die Arbeiter von sozialistischen Gedanken fernzuhalten.

Diese Form des Antisemitismus ist uralt und doch immer wieder quicklebendig und wandlungsfähig. Wir erleben ihn heute in der muslimisch/arabischen Welt, wo Herrscherhäuser ihr politisches Versagen oder ihre Kollaboration mit westlichen Großmächten durch antisemitische Mobilisierungen zu überspielen versuchen. Wir erleben die Neuauflage dieses antisemitischen Narrativs aber auch hierzulande bei einschlägigen rechten Verlagen und Medien, die die neoliberale Herrschaft, die imperialistischen Kriege von USA und EU, ja sogar die gesamte Kriegs- und Verbrechensgeschichte des letzten Jahrhunderts als sinistre Verschwörung jüdischer Bankierskreise (Rothschild & Co) umzudeuten versuchen.

Antisemitismus im Umkehrschluss

Es gibt jedoch in zunehmenden Maß eine tatsächlich neue Form des Antisemitismus, die sich vordergründig als „Israels best friend“ gebärdet. Deren Hauptmerkmal: Die völkerrechtswidrige Politik Israels von Landraub, Vertreibung, Krieg und Besatzung wird kompromisslos gerechtfertigt und die Ablehnung dieser Politik als antisemitisch diffamiert. Was heißt das aber im Umkehrschluss: Landraub, Vertreibung, Krieg und Besatzung werden nicht als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen, als Ausdruck der Politik von Machteliten (in Israel, den USA, der EU) gesehen, sondern den Juden und Jüdinnen quasi als wesenseigen bzw. als ihr privilegiertes Vorrecht unterstellt. Wer das tut, ist kein Freund der Juden und Jüdinnen. Im Gegenteil: Das ist Antisemitismus im Umkehrschluss. Der eigene Rassismus (gegenüber Arabern und Muslimen), die eigenen Herrschaftsinteressen werden einem „jüdischen Kollektiv“ untergeschoben, um Kritik daran mit dem Verweis auf Auschwitz zu tabuisieren - eine schlimme Verhöhnung der Millionen Opfer der Shoa. Der besondere Hass dieses neuen Antisemitismus schlägt daher jenen Jüdinnen und Juden entgegen, die sich – wie z.B. die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden im Nahen Osten“ – gegen die Apartheitspolitik der israelischen Regierung stellen. Sie stören das völkische Narrativ.

Die Beziehung der westlichen Großmächte zu den zionistischen Eliten Israels wurzeln in einem Deal, der auf diese neuen Antisemitismus aufbaut und ihn beständig nährt: Die westlichen Großmächte unterstützen Landraub, Vertreibung, Krieg und Besatzung durch die israelischen Machthaber im Nahen Osten. Diese wiederum verpflichten sich, die imperialistischen Interessen der USA und der europäischen Großmächte in der geopolitisch bedeutsamen Nahostregion auf Biegen und Brechen durchzusetzen. Diese Politik wird nicht nur auf dem Rücken der AraberInnen, sondern auch der Jüdinnen und Juden ausgetragen. Denn die westlichen Machthaber sind bereit, ihre Hegemonie in Nahost mit dem Blut der Juden und Jüdinnen ohne Rücksicht auf Verluste zu verteidigen. Dafür wird Israel mit westlichen Waffen überschüttet – ein wahres Danaergeschenk, mit dem der Zynismus bemäntelt wird, den kolonialen Außenposten westlicher Großmächte als „sichere Heimstatt der Juden“ zu verkaufen. Dadurch gerät Israel immer mehr in die Position eines Apartheitsstaates, der umso unsicherer für alle seine BewohnerInnen wird, je stärker er sich militarisiert und die PalästinenserInnen als BürgerInnen zweiter und dritter Klasse behandelt.[1]

FPÖ – die Synthese von altem und neuem Antisemitismus

Für die deutschen Machteliten, die als Führer der EU wieder eine Weltmachtsrolle spielen wollen, hat dieser Deal einen besonderen Zusatznutzen: Eine rechtsaußen Regierung in Israel spricht Deutschland von der Last der Vergangenheit frei, damit Berlin ohne die verbrecherische Bürde des 20. Jahrhunderts, ungehemmt Großmachtspolitik im 21. betreiben kann; Deutschlands Machteliten versprechen im Gegenzug – und unter Verweis auf die besondere Verantwortung Deutschlands - dem Apartheitsregime in Israel Schutz und Beistand angesichts einer erlahmenden US-Dominanz in Nahost. Die ganze Obszönität dieses Deals drang 2015 an die Oberfläche, als der israelische Ministerpräsident Netanjahu für den Holocaust nicht ursprünglich den Nationalsozialismus, sondern die Einflüsterungen palästinensischer Exilanten in Nazi-Deutschland verantwortlich machte. Adolf Hitler - ein armer Verführter der Palästinenser! Wo blieb der Aufschrei gegen diese unfassbare Verharmlosung des Nationalsozialismus, gegen diese unfassbare Verhöhnung der Opfer der Shoa? Da verwundert es nicht, dass der deutschnationale Rechtsextremismus mittlerweile seine besondere Vorliebe für die rechtsaußen-Regierung in Tel Aviv entdeckt hat. Der alte und neue Antisemitismus vereinen sich heute in Parteien wie der FPÖ. Während die Kellernazis die „siebte Million“ besingen, schüttelt HC Strache die Hände rechtsradikaler Siedler im besetzten Westjordanland.

„Antirassismus des dummen Kerls“

Dass sich bisweilen auch Kräfte, die sich als links und antirassistisch verstehen, vor den Karren des „Antisemitismus im Umkehrschluss“ spannen lassen, könnte man in Abwandlung des Diktums von Kronawetter als „Antirassismus des dummen Kerls“ bezeichnen. Denn: So wie der alte Antisemitismus kein bisschen „antikapitalistisch“ war/ist, sondern den aggressivsten kapitalistischen Eliten dient(e), so wenig ist der neue Antisemitismus „antirassistisch“. Im Gegenteil: Während der alte Antisemitismus Juden zur Projektionsfläche des Hasses machte, um von sozialen Missständen abzulenken, instrumentalisiert der neue Antisemitismus die Juden für westliche Großmachtspolitik, indem er sie als „politisch korrekte“ Projektionsfläche für weißes Herrenmenschentum in der arabisch-muslimischen Welt missbraucht. Dieses Herrenmenschendünkel findet sich schon früh in der zionistischen Ideologie. Theodor Herzel: "Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen" (Der Judenstaat, 1896, in: im Kapitel: Allgemeiner Teil: Palästina oder Argentinien?).

Der Leiter der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich Oskar Deutsch, hat bei seiner Rede am 6. Mai 2018 bei den Befreiungsfeiern in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen gemeint, Antisemitismus sei, „wenn an Israel andere Maßstäbe angelegt werden als an andere Staaten.“ Das ist bemerkenswert. Er sagte nicht „strengere“, er sagte „andere Maßstäbe“. Und genau das ist richtig, um nicht in den alten oder neuen Antisemitismus hineinzukippen. Fortschrittliche Kräfte müssen beiden Formen des Antisemitismus entschieden entgegentreten, wollen sie nicht – auf die eine oder andere Weise – als „dumme Kerle“ der herrschenden Politik enden.

Gerald Oberansmayr
(Februar 2019)

Zu diesem Thema:
„Kolonialismus und Ethnizismus überwinden!“ – Dieses Positionspapier der Solidarwerkstatt stammt aus dem Jahr 2011, ist aber in seinen Grundüberlegungen und Forderungen nach wie vor aktuell: https://www.solidarwerkstatt.at/international/kolonialismus-und-ethnizismus-berwinden

 Fußnote:

[1] Wie wenig es den US- und EU-Eliten tatsächlich um den Schutz von Juden und Jüdinnen geht, zeigt sich auch daran, dass sie vor der Kollaboration mit offenen Antisemiten kein bisschen zurückscheuen, wenn es ihren Expansionsinteressen zuträglich ist. Die Vertreibung der Juden aus dem Kosovo durch die NATO-Verbündeten geschah – nach der Bombardierung Jugoslawien - unter den Augen der KFOR-Truppen; der prowestliche Staatsstreich in der Ukraine wurde nicht zuletzt mit gewalttätiger Hilfe rechtsextremer Kräfte bewerkstelligt, die jene ukrainischen Nazi-Kollaborateure verehren, die am Massenmord an der jüdischen Bevölkerung beteiligt waren. Mit Rücksicht auf diese „Verbündeten“ verweigerten 2014 die Vertreter der USA und aller EU-Staaten in der UNO-Generalversammlung einem Antrag gegen die Verherrlichung des Nationalsozialismus die Zustimmung.