Interview mit Boris Lechthaler (Solidarwerkstatt Österreich), der am 1. Jüdischen antizionistischen Kongress von 13. bis 15. Juni 2025 in Wien teilgenommen hat.
WB: Boris, Du hast an einem jüdischen antizionistischen Kongress teilgenommen. Jüdisch und antizionistisch, das klingt in unseren Ohren doch sehr irritierend?
Boris: Ja, wir sind es gewohnt, anzunehmen, dass Israel und seine Staatsideologie, der Zionismus, für das ganze Judentum steht und spricht. Das war jedoch nicht immer so. Insbesondere die Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus ist eine vergleichsweise junge Erscheinung, die erst in den 1970er Jahren besonders in Europa und den USA zu einer verbreiteten Auffassung geworden ist. Es gibt weltweit immer mehr Menschen mit jüdischem Hintergrund, die sich gegen die, wie sie selbst sagen, Instrumentalisierung, zur Wehr setzen. „Der Zionismus besetzt auch das Judentum.“ sagte die nach Deutschland emigrierte israelische Psychoanalytikerin Iris Hefets auf dem Kongress.
WB: War das ein rein jüdischer Kongress? Du selbst bist ja kein Jude.
Boris: Nein, es war kein rein jüdischer Kongress, aber es waren Jüdinnen und Juden aus der ganzen Welt, freilich viele aus Europa, aber auch aus Israel, Südafrika, den USA, Kanada u. a. da, insgesamt an die 500 Teilnehmer*innen. Auch Menschen mit palästinensischem Hintergrund oder einfach Leute, die die Hungerkampagne gegen die Menschen im Gazastreifen, die vor unseren Augen durchgeführt wird, nicht stillschweigend ertragen können, wie z. B. ich.
WB: Welches Ziel verfolgte der Kongress?
Boris: Es gab viele Gemeinsamkeiten, aber auch Differenzen. Einmütigkeit gibt es in der Einschätzung, dass der Zionismus eine rassistische Ideologie ist, deren Wurzeln wir im europäischen Rassismus des 19. Jahrhunderts finden. Einig waren wir uns auch darin, dass Israel ein siedlerkolonialistischer Staat ist, der mit Hilfe gezielter ethnischer Säuberungen errichtet wurde und dass die Zukunft nur in einem Staat in Palästina liegen kann, der allen Menschen gleiche Rechte unabhängig von ihrer Religion und Herkunft gewährt. Unterschiede gibt es mitunter in der Frage, wie die Aufgaben verteilt sind. Ghada Karmi, eine palästinensische Ärztin und Autorin meinte, der Antizionismus sei eine innerjüdische Angelegenheit. Sie hätten die Aufgabe eine Identität jenseits des Tribalismus zu finden. Ramzy Baroud, ein Palästinenser, der den Palestine Chronicle herausgibt, meint hingegen, Israel sei kein jüdischer Staat, sondern eine Projektion der westlichen Welt. Der Westen würde, so Baroud wörtlich, „Israel unterstützen, wenn alle Juden Israel nicht unterstützen würden.“ Diese Gemeinsamkeiten in die Öffentlichkeit zu tragen, und die Differenzen weiter zu diskutieren, war das Ziel des Kongresses. Es wird auch im Juni 2026 eine Fortsetzung in Irland geben. Man hofft mit noch viel stärkerer Beteiligung aus den USA.
WB: Aber muss der Zionismus nicht auch im Kontext der jüdischen Emanzipation im Europa des 19. Jahrhunderts verstanden werden?
Boris: Freilich hatte die zionistische Bewegung auch diese emanzipative Seite. Diese Seite teilt er aber mit allen Nationalismen, die auf dem Weg später Nationsbildungen entstanden sind. Absurderweise auch der deutschen. Ganz aktuell können wir das auch in der Ukraine beobachten. Nationale Emanzipation in der Moderne kann eben in einen rassistischen Überlegenheitsdünkel münden, wenn er von der allgemeinen sozialen Emanzipation entkoppelt wird.
WB: Welche Fragen standen auf dem Programm des Kongresses?
Boris: Das Programm war sehr umfangreich und dicht, mit einer großen Zahl kompetenter Referentinnen und Referenten. Um nur einen ungefähren Überblick zu geben: Vom Zusammenleben zum BUND und Antizionismus, von ethnischen Säuberungen zum Völkermord, Repression gegen die Palästinasolidarität, Arabische Jüdinnen und Juden und die Integration in die arabische Welt, Antifaschismus und die Instrumentalisierung des Antisemitismus, Dekolonisierung und Befreiung, Zionismus und Imperialismus. Dazu noch viele Arbeitskreise.
WB: Und wer hat gesprochen?
Boris: Ich kann hier nicht alle Referentinnen und Referenten aufzählen, nur die Prominenteren: Dr. Samy Ayad von der palästinensischen Gemeinde in Österreich, Ronni Barkan, ein israelischer Dissident und Gründer von Boycott, Ghada Karmi, palästinensische Ärztin und Autorin, Ilan Pappé, israelischer Historiker, Yakov Rabkin, Historiker aus der Sowjetunion, Donny Gluckstein, Historiker aus Großbritannien, Awad Abdelfattah, Coordinator der One Democratic State Initiative in Haifa, Ramzy Baroud vom Palestine Chronicle, Katie Halper, von CNN gefeuerte jüdische Journalistin aus den USA, Wieland Hoban, von der „Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden“ aus Deutschland, Reuven Abergel, Misrahim und politischer Aktivist aus Israel, Camille Levy, arabische Jüdin aus Tunesien, Stephan Kapos, Jahrgang 1937, Holocaust Überlebender in Ungarn und nun in Großbritannien, oder Tony Greenstein, der erste Jude, der aus der britischen Labourparty wegen Antisemitismus ausgeschlossen wurde und viele andere.
WB: Was hat dich besonders beeindruckt?
Boris: Zwei Dinge. Zum einen, weil beide für mich neu waren. Im zweiten Fall auch, weil er für die Zukunft Israels wahrscheinlich sehr bedeutsam ist. Die erste Sache ist: Der Zionismus ist keine genuin jüdische Idee. Wie Tony Greenstein ausführte, gab es schon seit 400 Jahren einen protestantischen Zionismus. Der Zionismus musste den Juden nach seinen Worten „aufgedrückt“ werden, weil sie zunächst darin eine Form des Antisemitismus erkannten, der ihre Emanzipation in den europäischen Gesellschaften verhindern sollte. Das ist insofern nicht bloß eine Randnotiz der Geschichte, weil evangelikale Kreise in den USA heute eine wesentliche Basis des Zionismus geworden sind. Die zweite Sache ist: die arabischen Juden. Sie stellen heute die Hälfte der jüdischen Einwohner Israels. Zunächst ist ein Faktum: Sie wurden nach der Staatsgründung Israels gezielt transferiert. Nach der Shoah war für die große Mehrheit der europäischen Jüdinnen und Juden die Auswanderung nach Palästina keine Option. Vielfach auch erst, nachdem es in Europa keinerlei Bereitschaft gab, die Überlebenden der Shoah aufzunehmen. Lange Jahre auch nicht in die USA. Um eine jüdische Bevölkerungsmehrheit zu erlangen, brauchten sie die arabischen Juden. Wie Reuven Abergel, der als Kind von Marokko transferiert wurde, es am Kongress ausdrückte: „Jemand musste die ‚Villa im Dschungel‘, angeblich so wörtlich Ben-Gurion, bauen.“ Nach der Gründung der israelischen Black Panther habe ihn Golda Meir gefragt, warum sie sich so benannt hätten, das seien ja Antizionisten, habe er ihr geantwortet: „Ihr seid die Antisemiten, ihr habt uns zu zehnt in ein Zimmer gesperrt.“ Während die Aschkenasim, europäische Juden, in den vorbildlichen Kibuzzim siedelten, schufteten die Mizrachim in den Fabriken. Die Mizrachim, die orientalischen Juden, wurden auch gezielt auf geraubtem palästinensischem Land angesiedelt. Heute sind sie die Basis der rechtsextremen, faschistischen Strömungen in Israel. Es ist klassische Divide et Impera Politik. Heute stehen sie an den Checkpoints und machen die Drecksarbeit. Genau die „Drecksarbeit“ für den Westen, die nach den Worten des deutschen Kanzlers Friedrich Merz, Israel im Iran durchführt. Iris Hefets sagte, Misrahim konnten auf der kolonialen Leiter etwas hinaufklettern, wenn sie den arabischen Teil in ihnen töten. Ilan Pappè meinte, dass ein Drittel bis die Hälfte der Israelis das Land verlassen würde, wenn es seine Verfasstheit als Apartheidstaat aufgeben würde. „Die Bleibenden werden zumeist arabischer Herkunft sein.“
WB: Welche Perspektiven skizzierte der Kongress?
Boris: Politisch ist die Sichtweise klar. Es kann nur einen Staat geben, ohne Supremacie, ohne Apartheid. Freilich weiß niemand, wie das Realität wird. Der palästinensische Widerstand wird nicht verschwinden. Ramzy Barout zitierte Shimon Peres: „Ich wünschte ich würde aufwachen und Gaza wäre im Meer verschwunden.“ Gaza wird nicht im Meer verschwinden. Und auch nicht die Palästinenser im Westjordanland und in Israel. Ilan Pappé denkt an eine Implosion des zionistischen Staats.
WB: Ist angesichts der Geschichte ein gemeinsames Leben von Juden und Arabern vorstellbar?
Boris: Da möchte ich nochmals auf Pappé Bezug nehmen. Er berichtete von einer Südafrikareise nach Ende der Apartheid. Alle Weißen mit denen er sprach, sagten: „Ich war nie für Apartheid!“ Das kennen wir auch aus unserer Geschichte. Wer sagte schon nach 1945: „Ich war Nazi!“. Und so glaubt er, dass der Großteil der Jüdinnen und Juden in Palästina nach Ende der Apartheid sagen wird: „Ich war nie Zionist.“ Freilich: Die Geschichte wird aufgearbeitet werden müssen. Aber ein Zusammenleben ist nach Aufgeben der Suprematieillusion des Zionismus möglich.
WB: Was können wir in Österreich dazu beitragen?
Boris Das erste ist: Solidarität mit den notleidenden Menschen in Palästina. Es gibt keinen zivilisatorischen Fortschritt, wenn wir das Morden und die Entrechtung in Palästina vor unseren Augen achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Das tangiert alle anderen Themen, ob Klimagerechtigkeit, soziale Wohlfahrt oder Menschenrechte. Zweitens: Wir müssen die Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus aufbrechen. Das Pack, das heute Palästinasolidarität als antisemitisch denunziert, wird keinen Finger für das Leben arabischer Juden in Palästina rühren. Drittens: Die Militär- und Rüstungskooperation mit Isreal beenden. Und viertens: Dafür sorgen, dass Österreich eine sichere Heimstatt ist. Für alle Menschen! Unabhängig von ihrer Religion oder Herkunft. Derselbe Bundespräsident, der Schüler*innen erklärt, die Kumpanei mit Israel sei deshalb notwendig, damit diese eine sichere Heimstatt hätten, „wenn bei uns wieder einmal alles schiefgeht“, gab einem deutschnationalen Rechtsextremen einen Regierungsbildungsauftrag und gelobt reihenweise FPÖ-Landesregierungsmitglieder an. So geht sicher alles schief. Diese Absurdität und zynische Doppelbödigkeit müssen wir beenden.
*Zit. Ilan Pappé, israelischer Historiker, 14. Juni 2025 in Wien.