Den offenen Kolonialambitionen der USA zur Annektierung Grönlands wird mit gar nicht so subtilen Kolonialambitionen der EU gekontert, die die Arktis zu ihrem Gebiet „von privilegiertem Interesse“ erklärt. Auf der Strecke bleibt in diesem Gerangel der Großmächte die von den Grönländern in ihrer Mehrheit gewünschte Unabhängigkeit ihrer Insel von allen ausländischen Zugriffen und Interventionen.


„Kalaallit Nunaat“, wie Grönland in der Landessprache heißt, ist die größte Insel der Welt mit einer Landfläche von über zwei Millionen Quadratkilometern. Das ist größer als Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Polen zusammen. Mit einer Einwohnerzahl von 57.000 Menschen, die hauptsächlich von idigenen Inuit abstammen, ist Grönland allerdings extrem dünn besiedelt. 80% der Landfläche ist von einem Eisschild bedeckt, der im Landesinneren über 3.000 Meter dick wird. Sein Schmelzen würde zu einem Anstieg des Meeresspiegels um über sieben Meter führen.

Grönland stand seit dem 18. Jahrhundert unter dänischer Kolonialverwaltung. Nachdem die USA 1941 in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, besetzten US-Truppen Grönland und errichteten entlang der Küstenlinie mehrere Militärbasen, um zu verhindern, dass Nazi-Deutschland von der Insel Besitz ergriff. Nach Ende des Krieges boten die USA Dänemark 100 Millionen Dollar als Kaufpreis für Grönland an. Dänemark lehnte ab, Washington ließ sich 1951 aber in einem Militärabkommen die dauerhafte Nutzung der Militärbasis in Thule, im Nordwesten Grönlands, zusichern und baute ihn zu einem wichtigen Stützpunkt der US-Luftwaffe im aufkommenden Kalten Krieg gegen die Sowjetunion aus. Diese Militärbasis wurde vor einigen Jahren offiziell in Pituffik Space Base umbenannt.

Dänische Kolonialmacht

Seit 1979 genießt Kalaallit Nunaat einen Autonomiestatus im Rahmen des dänischen Königreichs und seit 2009 gilt eine Selbstverwaltung mit der Möglichkeit, über ein Referendum die Unabhängigkeit zu erklären. Die Außen- und Verteidigungspolitik wird aber von Dänemark bestimmt. Eine große Mehrheit der grönländischen Bevölkerung – nach Umfragen über 80 Prozent - und vier von fünf Parteien im grönländischen Parlament treten für die völlige Unabhängigkeit von Dänemark ein, allerdings mit unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie schnell dieser Prozess vor sich gehen soll. Der Groll der GrönländerInnen auf Dänemark speist sich aus einer langen Geschichte wirtschaftlicher und kultureller Erniedrigung. Exemplarisch dafür steht ein brutales Zwangssterilisierungsprogramm, das die dänische Regierung zwischen 1966 und 1991 in Grönland durchführte, um die Geburtenrate der Inuit zu reduzieren. Ein Vierteljahrhundert lang wurde jeder zweiten Frau, darunter auch vielen Mädchen, ohne ihr Wissen eine Schwangerschaftsverhütungsspirale eingesetzt. Die dänische Regierung entschuldigte sich erst 2025 für dieses Verbrechen.

Grönland ist nicht Teil der Europäischen Union. Es war 1973 als Teil Dänemarks Mitglied der Europäischen Gemeinschaft (EG), des Vorgängers der EU, geworden, obwohl 70 Prozent der Grönländer dagegen votiert hatten. Nach Erlangung der inneren Autonomie führte Grönland dann 1982 ein eigenes Referendum durch, bei dem 53 Prozent für den Austritt stimmten, der 1985 vollzogen wurde. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war, dass deutsche Unternehmen rücksichtslos die Fischereigründe Grönlands ausgeplündert hatten, von denen die GrönländerInnen existenziell abhängig sind.

Gebiet von „privilegiertem Interesse“

Grönland ist sowohl militärisch als auch wegen seiner reichhaltigen Rohstoffvorkommen für die Großmächte interessant. Es verfügt über reiche Erzvorkommen wie Molybdän, Eisenerz, Gold, Platin, Kupfer, Zink, aber auch Graphit, Uran und Seltene Erden. Das Abschmelzen des Eises infolge des Klimawandels macht die Förderung zunehmend interessant. Grönland verfügt über 24 von 34 Mineralien, die von der EU als kritische Rohstoffe eingestuft werden. Noch bevor US-Präsident Trump in ebenso tölpelhafter wie arroganter Form die Einverleibung Grönlands in die USA ankündigte, forderten der Think-Tank „Group on an Grand Strategy“ schon 2011 den „uneingeschränkten Zugang“ von EU-Streitkräften in die gesamte „Arktis“ (1). Das vom EU-Militärausschuss und dem Rat der Verteidigungsminister beauftragte EU-Strategiepapier „Enabling the Future“ erklärte 2013 die Nordpolregion als „erweiterten Norden“ zu einer Region von „privilegiertem Interesse“. Die EU müsse sich „darauf konzentrieren, ihre Fähigkeit zu verbessern, ihre Streitkräfte zeitweilig in die geographischen Regionen ihres privilegierten Interesses zu projizieren bzw. dauerhaft auszudehnen.“ (2) Besonders pikant: Der „erweiterte Norden“ umfasst nicht nur Grönland, sondern auch weite Teil der Nordküste Russlands (sh. Grafik im EU-Strategiepapier „Enabling the future“ aus 2013).

Seite 8 Bild Privilegierte Interessensgebiete

US-Annexion Grönland „auf die eine oder andere Weise“

Umgekehrt erklärte US-Präsident Trump schon in seiner ersten Amtszeit die Absicht, Grönland kaufen zu wollen. Der damalige US-Außenminister Mike Pompeo hielt im Mai 2019 in einer Rede, die er vor einem Treffen des Arktischen Rats im nordfinnischen Rovaniemi hielt, fest, die Arktis sei zur „Arena“ für globale Macht- und Konkurrenzkämpfe geworden: „Wir treten in ein neues Zeitalter strategischer Aktivitäten in der Arktis ein“ (3). In seiner zweiten Amtszeit wurde US-Präsident Trump unmissverständlich. Er wolle Grönland den Vereinigten Staaten einverleiben. Um dies zu erreichen, schließe er „weder wirtschaftliche noch militärische Zwangsmaßnahmen aus“ (4).

In Reaktion darauf sprach sich der Vorsitzende des EU-Militärausschusses, der österreichische General Robert Brieger, für die Stationierung von Truppen aus EU-Mitgliedstaaten in Grönland aus. EU-Truppen auf Grönland „wären ein starkes Signal“ (5), erklärte der oberste EU-Militär. Und Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot setzte nach: Die Arktis sei zu einem „neuen Konfliktfeld“ geworden, auf dem man „auswärtige Einmischung“ beklagen müsse. „Wenn unsere Interessen auf dem Spiel stehen“, dann werde man über die Entsendung von Militär auch nach Grönland nachdenken (6). Dänemark setzte die Militarisierung Grönlands fort, mit Milliardeninvestitionen in arktistaugliche Kriegsschiffe, Drohnen und maritime Überwachungskapazitäten, Radar- und Satellitensysteme und den Ausbau der Luftstreitkräfte. Dänemark, Frankreich, Deutschland, Schweden, Norwegen und andere Staaten führten im September 2025 das NATO-Manöver „Arctic Light 2025“ im Hohen Norden durch. Ohne die USA, ohne Rückgriff auf US-Infrastruktur. Obwohl die Manöverannahmen bewusst allgemein gehalten waren, war der Hauptadressat dieser militärischen Übung unmissverständlich Washington.

Prompt folgte die US-Retourkutsche. Beflügelt durch die handstreichartige Terroraktion in Venezuela, bei der Präsident Maduro und seine Frau Cilia Flores gekidnappt und über 100 Menschen ermordet wurden, bekundete die US-Regierung ihre Bereitschaft, jegliches Völkerrecht zu zertrampeln. „Wir brauchen Grönland aus Gründen der Nationalen Sicherheit“, verlautbarte Trump Anfang 2026 (7) und gab sich zuversichtlich, die Insel „auf die eine oder andere Art“ übernehmen zu können (8). Die Insel sei – so Trump – „von russischen und chinesischen Schiffen umzingelt“. (9) Eine leicht durchschaubare Projektion eigener Absichten. Sogar Oberst Susannah Meyers, die damalige Chefin der US-Basis auf Grönland, widersprach dem US-Präsidenten in einer E-Mail, woraufhin sie allerdings umgehend ihres Postens enthoben wurde. Zeitgleich postete Katie Miller, eine ehemalige stellvertretende Pressesprecherin im US-Heimatschutzministerium und Ehefrau von Trumps Vizestabschef Stephen Miller, eine Landkarte, die Grönland in den Farben der US-Flagge zeigte; sie fügte das Wort „soon“ („bald“) hinzu.

(Neo-)koloniale Mechanik

Daraufhin erklärte EU-Kommissionspräsidentin Von der Leyen, dass im Fall eines Angriffs auf Grönland die militärische Beistandsverpflichtung des EU-Vertrages (Artikel 42, Abs 7) gelten würde. Das ist natürlich rechtlich nicht haltbar, da sich die Beistandsverpflichtung nur auf das Hoheitsgebiet der EU bezieht, zu dem Grönland keinesfalls gehört. Grönland ist 1985 aus der EG ausgetreten und EU-Recht gilt nur sehr eingeschränkt. Politisch hat sie aber damit klargelegt, dass Grönland zur EU-Hemisphäre gehöre. Eine (neo-)koloniale Mechanik beginnt zu greifen. Den offenen Kolonialambitionen der USA wird mit gar nicht so subtilen Kolonialambitionen der EU gekontert, die die Arktis zu ihrem Gebiet „von privilegiertem Interesse“ erklärt. Auf der Strecke bleibt in diesem Gerangel der Großmächte die von den Grönländern in ihrer großen Mehrheit gewünschte Unabhängigkeit ihrer Insel von allen ausländischen Zugriffen und Interventionen (sh. Kasten).

Die Entsendung von – vorerst – kleinen deutschen, französischen, belgischen, finnischen, britischen, norwegischen und niederländischen Truppenkontingenten auf die Insel ist bereits der Startschuss für die groß angelegte dänisch geführte Militärmission „Arctic Endurance“, mit der die europäische Militärpräsenz in und um Grönland das ganze Jahr 2026 aufrechterhalten werden soll.

Vor einem Kolonialdeal?

Der Streit zwischen USA und EU um die Vorherrschaft auf Grönland könnte zu einem vorläufigen „Kolonialdeal“ führen. Die USA könnten Hoheitsrechte auf ihrer Militärbasis in Pituffik Space Base bekommen und ihre Militärpräsenz auf der Insel weiter ausbauen, um das Lieblingsprojekt von Donald Trump und der US-Rüstungsindustrie voranzutreiben: den Golden Dome, die Errichtung eines Raketenabwehrschutzschildes über das gesamte Territorium der USA. Bis zu drei Billionen (!) US-Dollar soll dieses Megaprojekt verschlingen, das die USA in die Lage versetzen soll, einen Erstschlag mit Atomwaffen durchzuführen, weil ein Gegenschlag durch den „Golden Dome“ abgefangen wird. Ob das freilich je funktioniert, ist höchst zweifelhaft. Unzweifelhaft ist bloß, dass die globale Unsicherheit durch solche Rüstungsprojekte enorm angeheizt wird und die Rüstungsindustrie sagenhafte Profite einstreichen kann.

Seite 8 Foto Grnland Pituffik Airbasi

Im Gegenzug sichert sich die EU - unter dem Deckmantel Dänemarks – die militärische Vorherrschaft über Grönland und öffnet das Land weiter für die hemmungslose Ausbeutung der Rohstoffe für die EU-Industrie. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Grönländer würden in diesem „Deal“ der Großmächte gnadenlos ausgebremst. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz hat beim diesjährigen World Economic Forum in Davos die Devise ausgegeben: "Die neue Welt der großen Mächte ist auf Macht, Stärke und - wenn nötig - auch Gewalt gegründet." (10)

Gerald Oberansmayr
(Februar 2026)

> siehe auch Kommentar:
Neutralität und neue Welt

Anmerkungen:

  • James Rogers, Leiter der „Group on a Grand Strategy“, in: A new Geography of European Power?, Egmont Paper Nr. 42, 2011
  • „Die Zukunft ermöglichen – Europäische Militärkapazitäten 2013-2025: Herausforderungen und Wege“, EU-ISS, Paris, Mai 2013
  • Michael R. Pompeo: Looking North: Sharpening America’s Arctic Focus, state.gov, 06.05.2019
  • Seb Starcevic: Trump refuses to rule out using military force to take Greenland and Panama Canal, Politico.eu, 07.01.2025
  • EU-Militärchef für Stationierung von Soldaten auf Grönland. Rnd.de, 26.01.2025
  • Théo Bourgery-Gonse: France mulls sending EU troops to Greenland, in: Euractiv.com 28.01.2025
  • Zit. nach Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2026
  • Trine Jonassen: Trump Says The U.S. Will Take Control of Greenland ‚One Way or The Other‘, 5.3.2025, in: highnorthnews.com
  • Elías Thorsson: Trump repeats call for Greenland annexation, declines to rule out force, 4.1.2026, arctictoday.com
  • Friedrich Merz, Rede bei dem World Economic Forum in Davos, 22.1.2026