Anlässlich des 27. Jahrestages des Beginns der NATO-Aggression gegen die Bundesrepublik Jugoslawien organisierte die Serbisch-Österreichische Solidaritätsbewegung SÖSB (ehem. Jugoslawisch-Österreichische Solidaritätsbewegung) wie alle Jahre ein Symposium. Heuer durften die Organisatoren u. a. Marijana Jovanovic aus dem serbischen Varvarin als Zeitzeugin und Rednerin begrüßen. Das Werkstatt-Blatt führte mit ihr das folgende Gespräch.

Symposium 27 Jahre NATO Aggression gegen Jugoslawien die Brücke von Varvarin am 23.3.2026 in Wien Marijana Jovanovic ist die zweite von rechtsSymposium: „27 Jahre NATO-Aggression gegen Jugoslawien - die Brücke von Varvarin“ am 23.3.2026 in Wien, Marijana Jovanovic ist die zweite von rechts

WB: Sie sind eines der vielen zivilen Opfer und eine Überlebende der NATO-Aggression 1999. Welche Fragen stellen Sie sich, wenn Sie auch die Ereignisse vor 27 Jahren zurückblicken? 

MJ: Auch nach 27 Jahren stelle ich mir immer noch dieselbe Frage wie damals, als ich gerade einmal 16 Jahre alt war. WARUM??!! So viele verlorene Leben, trauernde Familien, Traumata für die Überlebenden. Das Ziel war eine Brücke (die Brücke von Varvarin, Anm. WB), die kein strategisches Ziel darstellte, die Armee war nicht in der Nähe. Wir kommen zu dem Schluss, dass, indem sie auf ZivilistInnen schossen, Druck auf unser Land ausgeübt wurde und sie uns dann als Kollateralschäden bezeichneten.

WB: Was genau ist am 30. Mai 1999 in Varvarin geschehen?

MJ: An jenem 30. Mai 1999 ereignete sich in Varvarin eine solche Tragödie, dass sie mein Leben und das Leben meiner Lieben für immer geprägt hat. An diesem Tag fuhr ich mit meinen Freundinnen Sanja Milenković und Marina Jovanović nach Varvarin, um uns mit unseren Schulfreunden zu treffen, da wir wegen des Krieges getrennt worden waren. Um von unserer Stadt, die etwa fünf km von Varvarin entfernt liegt, zu ihnen zu gelangen, mussten wir die Brücke über die Große Morava überqueren. Es war ein sonniger, wunderschöner Tag. Ein Feiertag in der Stadt, viele Menschen auf den Straßen, und obwohl die Bombardierungen bereits seit 68 Tagen andauerten, hatten wir irgendwie gelernt, zu unserem normalen Leben zurückzukehren, und fühlten uns wohl, denn niemand ahnte, was an diesem Tag geschehen würde. Auf dem Heimweg überquerten wir erneut die Brücke. Sorglose, fröhliche Mädchen. Mitten auf der Brücke ein Geräusch, das lähmt, das das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wir erkannten, dass es das Geräusch einer Rakete ist. Wenige Sekunden später eine Explosion. Rauch, Hitze, ein Abgrund unter unseren Füßen. Wir stürzten mit der Brückenkonstruktion in den Fluss, und der Kampf um unser Leben begann. Von Raketensplittern verwundet und mit gebrochenen Gliedmaßen schafften wir es, uns an der zerbrochenen Konstruktion festzuklammern und auf Hilfe zu warten. Nach fünf Minuten fielen erneut Bomben, die die andere Seite der Brücke, die bereits im Wasser lag, zerstörten und Dutzende von Menschen töteten und verwundeten, die zu unserer Rettung gekommen waren. Nach einer Stunde gelang es ihnen, uns aus den Trümmern der eingestürzten Brücke zu bergen. Marina und ich wurden wegen unserer schweren Verletzungen in einem nahegelegenen Krankenhaus in Kruševac behandelt, doch leider stirbt unsere Freundin Sanja auf dem Weg ins Krankenhaus in den Armen ihrer Mutter Vesna. Es fällt mir schwer, diesen Schrecken aus meinem Gedächtnis zu verbannen, und jedes Jahr wird es schwieriger, mich an diesen Schrecken zu erinnern.

WB: Die Bürger von Varvarin kämpften jahrelang für Recht und Gerechtigkeit. Insbesondere in Deutschland wurden Klagen gegen den Staat und die NATO eingereicht. Wie verlief dieser Prozess und wie war das Ergebnis?

MJ: Die Bürger von Varvarin kämpften mit Hilfe engagierter Menschen aus Deutschland (Harald Kampfmajer, Gordana Milanovic Kovacevic, Gabriela Senft, und vielen anderen, die im Beirat des Projekts saßen) vor einem deutschen Gericht für das Recht auf ein Schuldeingeständnis und Kriegsentschädigungen von den NATO-Aggressoren. Leider haben wir diesen Fall verloren, aber die Klage wurde vom deutschen Gericht angenommen. Ich glaube, wir haben mit unserer Geschichte viele Menschen erreicht, und vielleicht wird unser Fall mit der Zeit nützlich sein und als Beispiel für andere Gräueltaten dienen, die an anderen Völkern begangen werden. Der Prozess dauerte 15 Jahre; wir haben den Fall zwar nicht gewonnen, aber die ganze Welt hat von dem Verbrechen an unserem Land erfahren

WB: Es ist schrecklich, dass den serbischen Opfern immer noch keine Gerechtigkeit widerfahren ist. Sind Sie der Meinung, dass das Völkerrecht dringend reformiert werden muss, was die Möglichkeit von Einzelpersonen betrifft, rechtliche Schritte einzuleiten?

MJ: Ich glaube schon, und ich wünsche mir, dass diese Reform des Völkerrechts umgesetzt wird und dass allen Personen, die bei den Bombenangriffen auf die BR Jugoslawien zu Schaden gekommen sind, Gerechtigkeit widerfährt. Gibt es Gerechtigkeit nur für ausländische Staatsangehörige, die sich während der Bombenangriffe 1999 zufällig in diesem Gebiet befanden?! Ich beziehe mich auf die Bombardierung der chinesischen Botschaft. Damals wurden den Familien der Verstorbenen und Verletzten Kriegsentschädigungen gezahlt. Warum ist das Leben eines Serben weniger wichtig?! Gibt es Gerechtigkeit nur für bestimmte Leute?!

WB: Die SÖSB gedenkt jedes Jahr um den 24. März herum der NATO-Aggression gegen Jugoslawien und ihrer Opfer, dabei spielt die Frage des Völkerrechts und dessen Verteidigung eine zentrale Rolle. Glauben Sie, dass die EU- und NATO-Staaten durch diesen Verstoß gegen das Völkerrecht im Jahr 1999 der „Ära des Faustrechts“ Tür und Tor geöffnet haben?

MJ: Durch den Bruch des Völkerrechts haben die EU- und NATO-Staaten, wie Sie sagen, eine neue Ära eingeleitet. Das Ziel ist nicht Frieden und Einvernehmen, im Gegenteil: Durch die Einmischung in die Innenpolitik eines Landes schüren sie Kriege und Zwietracht unter dessen Minderheiten, die jahrelang in Harmonie zusammengelebt hatten, indem sie verschiedenen Kriminellen, die unser Territorium als Stützpunkt und für Waffenschmuggel genutzt haben, unter die Arme gegriffen haben. Sie haben den Rest der Welt nur dazu ermutigt, diesem Beispiel zu folgen, mit ihrer Hilfe Gewalt anzuwenden, unschuldige Menschen bleiben dann ohne Obdach, ohne Land und sogar ohne ihr Leben zurück.

WB: Es fällt Ihnen immer noch sehr schwer, über das zu sprechen, was Sie erlebt haben. Gerade für die jüngere Generation der SerbInnen, aber auch der ÖsterreicherInnen, ist es besonders wichtig, dass AugenzeugInnen wie Sie ihre Stimme erheben und vor imperialistischen Kriegen warnen. Dafür danken wir Ihnen von ganzem Herzen!

MJ: Vielen Dank, dass Sie die Wahrheit über die Ereignisse, die unser Land heimgesucht haben, verbreiten, und für Ihre Gastfreundschaft in Wien, wo ich bei den Gedenkveranstaltungen die Gelegenheit hatte, meine Geschichte zu erzählen. Ich hoffe, dass diese Geschichte den jüngeren Generationen zu denken gibt und dass sie für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen werden.                                                     

Interview und Übersetzung: David Stockinger