Rede von Eveline Steinbacher, Solidarwerkstatt Österreich, bei der Kundgebung „Erst denken, dann entscheiden – Nein zum Stromfresser Google!“ am 12.6.2026 in Kronstorf: „Wir brauchen eine dreifache Einhegung der Digitalisierung: eine ökologische, eine demokratische und eine friedenspolitische.“
Liebe Freundinnen und Freunde,
wenn wir heute über das geplante Google-Rechenzentrum in Kronstorf sprechen, dann sprechen wir nicht einfach über ein Bauprojekt. Wir sprechen über eine grundlegende Frage unserer Zeit: Wer bestimmt über die digitale Zukunft? Und zu welchem Preis?
Die Befürworter sagen uns: Rechenzentren bringen Fortschritt, Innovation und Arbeitsplätze. Doch wir sollten genauer hinschauen. Denn hinter der scheinbar immateriellen Welt der Digitalisierung verbirgt sich eine sehr materielle Realität.
Jede Suchanfrage, jedes gestreamte Video, jede KI-Anwendung braucht Energie. Sehr viel Energie.
Das Rechenzentrum in Kronstorf ist Teil eines weltweiten Wettlaufs um künstliche Intelligenz und digitale Infrastruktur. Die großen Technologiekonzerne investieren Milliarden in immer größere Anlagen. Doch kaum jemand stellt die Frage: Woher soll eigentlich der Strom kommen?
Denn Strom ist keine abstrakte Größe. Jeder zusätzliche Energiebedarf muss erzeugt werden. Und gerade in Zeiten der Klimakrise müssen wir uns überlegen, wofür wir unsere erneuerbaren Ressourcen einsetzen. Für gesellschaftlich notwendige Aufgaben – oder für einen immer neuen Wettlauf um digitale Profite.
Deshalb dürfen wir Digitalisierung nicht länger als immateriellen Prozess betrachten. Auch die digitale Wirtschaft hat einen ökologischen Fußabdruck. Und dieser wächst mit dem Boom der künstlichen Intelligenz rasant.
In den USA hat Senator Bernie Sanders gemeinsam mit Alexandria Ocasio-Cortez eine bemerkenswerte Debatte angestoßen. Sie fordern ein Moratorium für neue KI-Rechenzentren, solange keine demokratischen und ökologischen Regeln für deren Betrieb bestehen.
Sanders brachte die dahinterstehende Sorge auf den Punkt, als er sagte, dass wir nicht zulassen dürfen, dass eine Handvoll Tech-Milliardäre darüber entscheidet, wie Wirtschaft, Demokratie und die Zukunft der Menschheit gestaltet werden.
Diese Gefahr wird immer dringlicher, wenn wir betrachten, wofür ein erheblicher Teil der heutigen KI-Entwicklung eingesetzt wird.
Denn KI dient nicht nur der Forschung oder der Verbesserung öffentlicher Dienstleistungen. Sie wird zunehmend für Überwachung, Kontrolle und militärische Zwecke genutzt.
Weltweit werden KI-Systeme eingesetzt, um Bewegungsprofile auszuwerten, Menschen zu identifizieren und ihr Verhalten zu analysieren. Gleichzeitig investieren Staaten und Konzerne Milliarden in autonome Waffensysteme, militärische Drohnen und automatisierte Zielerfassung.
Die Vorstellung, dass Algorithmen immer stärker darüber entscheiden, wer überwacht, verfolgt oder sogar getötet wird, wirft fundamentale demokratische und ethische Fragen auf.
Wer also über Rechenzentren spricht, darf nicht nur über Stromverbrauch sprechen. Rechenzentren sind die infrastrukturelle Grundlage jener KI-Systeme, die unsere Gesellschaft verändern – im Guten wie im Schlechten.
Genau deshalb müssen wir uns die Frage stellen: Wem dient die Digitalisierung?
Die Antwort kann dabei nicht lauten: Statt amerikanischer Konzerne sollen eben europäische Konzerne die gleiche Macht erhalten. Es wäre kein Fortschritt, wenn wir die Dominanz von Google lediglich durch die Dominanz anderer privater Großunternehmen ersetzen würden. Es ist kein Fortschritt, wenn die Digitalisierung der EU-Militarisierung dient, die derzeit in aberwitzigem Tempo vorangetrieben wird.
Rechenzentren werden zunehmend zu einer Grundstruktur des 21. Jahrhunderts – ähnlich wie Stromnetze, Verkehrswege oder die Wasserversorgung. Solche Infrastrukturen dürfen nicht den Profitinteressen einiger weniger Konzerne und den Machtinteressen des Militär-industriellen Komplex untergeordnet werden.
Aus Sicht der Solidarwerkstatt brauchen wir deshalb eine dreifache Einhegung der Digitalisierung: eine ökologische, eine demokratische und eine friedenspolitische.
Ökologisch bedeutet: Der Energie- und Ressourcenverbrauch digitaler Systeme muss gesellschaftlich begrenzt werden. Nicht jede technisch mögliche Anwendung ist auch gesellschaftlich sinnvoll. Wir müssen fragen, welche Anwendungen tatsächlich zur Verbesserung unseres Zusammenlebens beitragen und welche lediglich neue Profite schaffen.
Demokratisch bedeutet: Die Entscheidungen über digitale Infrastruktur dürfen nicht in den Vorstandsetagen globaler Konzerne getroffen werden. Gemeinden, Beschäftigte und Bürgerinnen und Bürger müssen mitentscheiden können, welche Projekte entstehen und welchen gesellschaftlichen Nutzen sie erfüllen. Das setzt aber öffentliches Eigentum bzw. öffentliche Regulierung voraus.
Und friedenspolitisch bedeutet: Technologien, die enorme Mengen an Energie, Wissen und öffentlichen Ressourcen beanspruchen, dürfen nicht dazu dienen, Kriege effizienter zu führen oder Überwachungssysteme immer weiter auszubauen.
Die Frage ist also nicht nur, wie viel Strom eine KI verbraucht. Die Frage ist auch, welchem Zweck dieser Strom dient.
Die Alternative zum digitalen Kapitalismus, zu digitaler Militarisierung und zum digitalem Überwachungsstaat ist dabei nicht technologische Rückständigkeit.
Die Alternative ist eine demokratisch gestaltete Digitalisierung. Eine Digitalisierung, die den Menschen dient und nicht den Aktienkursen und Militärs. Eine Digitalisierung, die sich innerhalb der ökologischen Grenzen unseres Planeten bewegt. Und eine Digitalisierung, die Wissen und Infrastruktur als öffentliche Güter begreift.
Wir fordern deshalb einen Baustopp in Kronstorf und eine Nachdenkpause, um diese entscheidenden Fragen zu klären:
- Wer kontrolliert die Energie?
- Wer kontrolliert die Daten?
- Wer kontrolliert die Infrastruktur?
- Und letztlich: Wer kontrolliert die Zukunft?
Wenn wir diese Fragen nicht demokratisch beantworten, werden sie von den großen Technologiekonzernen beantwortet werden.
Deshalb geht es heute hier in Kronstorf um weit mehr als um ein einzelnes Rechenzentrum. Es geht darum, die digitale Transformation mit sozialer Gerechtigkeit, demokratischer Kontrolle, Frieden und ökologischer Verantwortung zu verbinden.
Danke!