Mit diesem markigen Spruch geißelte der PROGE-Chef Reinhold Binder zurecht Einmalzahlungen in Kollektivvertragsverhandlungen. Das war 2023. Heute feiert er Einmalzahlungen als Erfolg. Er hat sich damit Länge mal Breite von der Kapitalseite über den Tisch ziehen lassen. Doch es gilt weiter auszuholen.


Die Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Metallindustrie haben sich innerhalb eines Tages geeinigt: ein Lohnplus von 1,45 Prozent, bei einer rollierenden Inflation von 2,8 Prozent. Dafür eine Einmalzahlung von 1000 Euro als „Kaufkraftsicherungsprämie“. Gewerkschaftschef Binder feiert das „als Erfolg in schwierigen Zeiten“. Rechnen wir einmal nach.

Das durchschnittliche Einkommen eines unselbständig Beschäftigten in der österreichischen Metallindustrie beträgt etwas über 4.100,-, brutto, ohne Sonderzahlungen. Mit Sonderzahlungen (Schichtzulage etc.) ca. 5.700,- brutto. Nehmen wir 5.000,- brutto als Kalkulationsgrundlage, um – über den Daumen gepeilt – zu ermitteln, was der Abschluss in der Metallindustrie bedeutet. Im ersten Jahr ergibt sich ein Lohnplus von 2,87 Prozent, also sogar leicht über die Inflation. Aufs ganze Jahr hochgerechnet 194 Euro Reallohngewinn. Aber in den Jahren darauf geht’s massiv bergab, weil die 1000 Euro-Einmalzahlung ja nicht auf folgende Lohnerhöhungen angerechnet wird. Gehen wir einmal davon aus, dass in den darauffolgenden Jahren die Löhne immer um die Inflation angehoben werden, und nehmen wir an die Inflation beträgt 2 Prozent. Dann ergibt sich schon im zweiten Jahr ein Reallohnverlust von fast 800,- , der dann – das ist die Mathematik der Prozentrechnung – zunehmend anwächst. In fünf Jahren ergeben sich damit akkumulierte Reallohnverluste von fast 5000,- - durch diese weit unter der Inflationsrate erfolgte Lohnerhöhung im Jahr 2025. Über eine ganzes Arbeitsleben von 45 Jahren wäre es theoretisch insgesamt ein Lohnverlust von fast 70.000 Euro.

Grafik Einmalzahlungen Auswirkungen

„Mit die Einmalzahlungen könnens scheißen gehen!“, sagte deshalb zutreffend der Chef der PROGE Reinhold Binder. Bei den KV-Verhandlungen im Jahr 2023. Wenn er im Jahr 2025 solche Einmalzahlungen als Erfolg verkauf, die kurzfristig die Kaufkraft sichern, aber mittel- und längerfristig enorme Reallohnverluste für die ArbeitnehmerInnen bedeuten, dann können wir ihm zurecht sein eigenes Zitat um die Ohren hauen. Er hat sich von der Kapitalseite Länge mal Breite über den Tisch ziehen lassen. Und den Gewerkschaften in anderen Branchen ein faules Ei für ihre Lohnverhandlungen gelegt.

Soweit ein erstes Resümee. Aber es gilt weiter auszuholen.

Kollektivvertragsverhandlungen sollten insgesamt neu durchdacht werden. Sie müssen eingebettet werden in eine sozialökologische Transformation. Das duldet keinen Aufschub. Was ist damit gemeint? Die durchschnittlichen Löhne und Gehälter in der Metallindustrie sind durchaus hoch, die Spreizung zwischen den verschiedenen Lohngruppen – innerhalb der Metallindustrie, erst recht zwischen den verschiedenen Berufsgruppen – ist beträchtlich. Der Kampf um prozentmäßige Lohnerhöhung lässt die Kluft innerhalb der unselbständig Beschäftigten immer größer werden. Das schwächt auf Perspektive die Solidarität und gewerkschaftliche Kampfkraft und ist aus sozialökologischer Perspektive kontraproduktiv. Ein individueller Lohn von jenseits 5000 bis 6000 Euro monatlich treibt auch in Arbeitnehmerschichten ein parasitäres Konsum- (und Investitions)modell an: das Zweit- und Drittauto, die Flugreise, der Bau des Eigenheims auf der grünen Wiese, die Spekulation in Aktienfonds.

Es geht nicht darum, jemand sein Eigenheim, das Auto oder den Maledivenurlaub neidig zu sein, aber auf Perspektive geht sich ein um diese Statussymbole organisiertes Konsummodell nicht aus. Vor allem die sozial Benachteiligten zahlen die Zeche zunehmender Bodenversiegelung, Klimakrise und Mobilitätsarmut. Gleichzeit trocknen die öffentlichen Kassen aus: Pensionsversicherung, Gesundheit, Pflege, Bildungswesen, Klimaschutz, öffentlicher Verkehr und Wohnbau, ökologische und kommunale Infrastrukturen – überall gibt viel zu wenig Geld. Es gilt also umzudenken: Lohnerhöhungen sollten in Zukunft vor allem aus Fixbeträgen bestehen, die der zunehmenden Ungleichheit innerhalb der ArbeitnehmerInnen entgegenwirken. Und die gestiegene Produktivität soll vor allem in die Erhöhung des KOLLEKTIVEN LOHNS fließen: also die Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge und der Einnahmen für die öffentlichen Kassen, aus denen Gesundheit, Bildung, Altersversorgung und all die bitter notwendigen sozialökologischen Infrastrukturen finanziert werden. Dabei gilt es, die Abgaben auf die gesamte Wertschöpfung auszudehnen. Ein solches Lebensmodell, das stärker auf gemeinschaftlicher Vorsorge aufbaut, ist nicht nur ökologischer, es ist auch sozialer und lebensfreundlicher.

Die Kapitalseite wird natürlich über die „explodierenden Lohnnebenkosten“ lamentieren und all ihre gesellschaftliche Macht dagegen einsetzen. Dem kann auf Dauer nur dadurch begegnet werden, dass sie von ihren privilegierten Kommandohöhen vertrieben wird. Denn es sind vor allem die Interessen der exportorientierten Großindustrie, die uns in ein sozial und ökologisch verheerendes Konkurrenzregime maximaler Eigenkapitalrendite getrieben haben. Wir müssen nicht nur verteilungspolitisch, sondern auch stofflich umsteuern. Konkret heißt das: Runter mit den Investitionen in Automobil-, Flugzeug-, Zement-, Agrochemie-, Finanz- und Kriegsindustrie, rauf mit den Ausgaben für Gesundheit, Pflege, Kinderbetreuung, erneuerbare Energien, Schaffung von sozialem Wohnraum, Bildung, Kultur, Bus, Bahn, Bim usw. Das sichert Arbeitsplätze, die wirklich nachhaltig und sinnvoll sind. Und unser Überleben.

Das geht allerdings nur, wenn nicht mehr die maximale Eigenkapitalrendite die wirtschaftliche Richtung bestimmt, sondern eine auf vielfältigen Eigentumsformen – öffentlich, kommunal, genossenschaftlich, privat – beruhende Solidarökonomie, die an eine von der Gesellschaft demokratisch bestimmte makroökonomische Entwicklung gebunden ist. Ein solcher Weg braucht Verlässlichkeit und Sicherheit für die Menschen, um sie mitnehmen zu können, um zu verhindern, dass neoliberale und rechtsextreme Kräfte immer wieder mit ihrem „Teile und Herrsche“ die Menschen gegen ihre eigenen Interessen aufhetzen können. Wir brauchen einen Solidarstaat, der in der Lage ist, sich gegen das EU-Regime zu behaupten, das diesem Weg einer sozialökologischen Transformation diametral entgegensteht und immer wieder versucht, ihn durch die Entfesselung von wirtschaftlicher Konkurrenz und geopolitischer Konfrontation im Keim zu ersticken.

Es ist erstaunlich, wie rasch man heute von Lohnverhandlung zu sehr grundsätzlichen Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung vordringt. Die Unterordnung der Gewerkschaften unter das neoliberale Konkurrenzregime kann nur durchbrochen werden, wenn Kollektivvertragsverhandlungen als Teil des Ringens um diese sozialökologische Transformation begriffen werden. Die Aussicht mag angesichts der bestehenden Kräfteverhältnisse manchmal beklemmend sein. Doch das sind gesellschaftliche Machtfragen. Die Stärkung von Organisationen wie der Solidarwerkstatt Österreich, die den Anspruch hat, für diese Machtfragen emanzipatorisch zu ermächtigen, bleibt grundlegend.

Gerald Oberansmayr
(September 2025)