Bis zu 900 MitarbeiterInnen sollen bei der Lenzing AG gekündigt werden, obwohl der Konzern 2011 und 2012 die besten Geschäftsjahre seiner Firmengeschichte hatte und sich auch für 2013 ein satter Gewinn abzeichnet. Der Betriebsrat sieht durch den geplanten Kahlschlag den Standort Lenzing und das gesamte Unternehmen "in seinem Bestand gefährdet". Die Ankündigung des Managements der Lenzing AG hat es in sich. Im gesamten Konzern sollen 900 Arbeitsplätze „abgebaut“ werden, alleine am Standort Lenzing in Oberösterreich wackeln bis zu 700 Arbeitsplätze, fast ein Viertel der dortigen Belegschaft. Was ist passiert? Ist der Viskosefaserkonzern in die roten Zahlen geschlittert, steht er am Rand der Pleite? Mitnichten. Die Lenzing AG hatte 2011 und 2012 die beiden besten Jahre ihrer Firmengeschichte. 2011 war das absolute Rekordjahr des Konzerns. Der Umsatz kletterte auf 2,14 Milliarden und hatte sich damit innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdreifacht. Auch 2012 lag der Umsatz mit 2,1 Mrd. nur knapp unter 2011. Auch die Gewinne sprudelten reichlich: Auch hier war 2011 mit einem Jahresüberschuss von 267,4 Millionen absolute Spitze und 2012 mit 181 Millionen das zweitbeste Jahr in der bisherigen Firmengeschichte. Die Dividenden an die Aktionäre flossen ebenfalls reichlich. Alleine 2012 wurden rd. 39% des Gewinns an die Aktionäre ausgeschüttet.
Nun zeichnet sich nach dem dritten Quartalsergebnis für 2013 zwar ab, dass die beiden Rekordjahre 2011 und 2012 nicht mehr erreicht werden können, von roten Zahlen aber keine Spur: Das Umsatzergebnis für 2013 wird bei rund 1,9 Mrd. liegen (Ende 3. Quartal: 1,45 Mrd.), der Jahresüberschuss liegt schon am Ende des 3. Quartals bei 86 Millionen Euro (Quelle: Geschäftsberichte der Lenzing AG).
Wer hat da „Speck angesetzt“?
Was ist die Begründung des Vorstands für diese Massenentlassungen? Das Unternehmen habe „Speck angesetzt“, lässt Vorstandschef Untersperger den Beschäftigten via Medien ausrichten. Das nennt man Chuzpe. Im Rekordjahr 2011 setzte Untersperger sein Salär (inkl. Dividenden) von 1,18 Millionen auf 2,7 Millionen in die Höhe – ein Einkommenszuwachs von satten 296%. Das entspricht in etwas dem 90-Fachen eines durchschnittlich verdienenden Lenzing-Mitarbeiters. Wer hat das wirklich „Speck angesetzt“? Damit nicht genug: Just zu dem Zeitpunkt, zu dem 900 MitarbeiterInnen der Laufpass gegeben werden soll, will man den Vorstand um ein viertes Mitglied aufstocken. Es wundert nicht, dass der Betriebsratsvorsitzender Rudolf Baldinger von „massiver Wut“ (OÖN, 19.11.2013) unter den Lenzing-MitarbeiterInnen spricht.
Einige Berechnungen sind aufschlussreich: Die Personalkosten für jene 900 ArbeiterInnen, die gekündigt werden sollen, belaufen sich auf rund die Hälfte dessen, was 2011 an Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet wurde. Auch der prognostizierte Gewinn für 2013 liegt deutlich über dem Doppelten der Personalkosten für diese 900 Beschäftigten. Die Eigentümer haben bereits angekündigt, dass sie für 2013 keineswegs auf ihre Dividenden verzichten wollen. Mehrheitseigentümer der Lenzing AG ist die B & C Privatstiftung, die gemeinsam mit ihren direkten bzw. indirekten Tochtergesellschaften einen Anteil von 60% der Stimmrechte hält. Der Stiftungszweck dieser Privatstiftung mutet angesichts des geplanten Kahlschlags wie ein Hohn an: „Sicherung des Fortbestands und die Förderung des Wachstums großer, österreichischer Unternehmen als Kernaktionär, sowie die Investition freier Dividendenerträge in die Stärkung und den Ausbau der bestehenden Kernbeteiligungen sowie in neue Beteiligungen.“ Letztbegünstigter dieser Privatstiftung ist die italienische Unicredit-Bank, an die die ehemals staatliche Bank-Austria, der frühere Eigentümer der Lenzing AG, verkauft worden ist.
Kahlschlag gefährdet das ganze Unternehmen
Diese Massenentlassungen wären eine Katastrophe für die Betroffenen und die gesamte Region. Durch den Arbeitsplatzverlust bei Lenzing würde die Zahl der Arbeitslosen im Raum Vöcklabruck um 20% in die Höhe schnellen. Dieser Kahlschlag gefährdet aber auch das Unternehmen in seiner Substanz. Betriebsrats-Vorsitzender Rudolf Baldinger: „Wir sind voll ausgelastet, und in produktionsnahen Bereichen fehlen Leute. Kommt es zu einem Personalabbau, können wir die Produktion und die Qualität nicht aufrechterhalten“ (OÖN, 19.11.2013).
In einem Offenen Brief erhebt der Betriebsrat daher massive Vorwürfe an die Geschäftsführung: "Obwohl noch vor fünf Wochen öffentlich erklärt wurde, dass nach den Einsparungsmaßnahmen 97 % der Arbeitsplätze sicher wären (Vorstandsvorsitzender Dr. Peter Untersperger bei einer Vorstandsinfo am 8.10. d.J., vor über 1000 MitarbeiterInnen), wurde der Betriebsrat in der Vorwoche darüber informiert, dass bis zu 700 Arbeitsplätze am Standort Lenzing und weitere 200 Arbeitsplätze weltweit abgebaut werden sollten. Diese - von einer in diesem Fall offensichtlich chaotisch arbeitenden Beraterfirma - vorgeschlagenen Zahlen sind völlig überzogen. Damit wird nicht nur der Standort Lenzing, sondern die gesamte Lenzing Gruppe in ihrem Bestand gefährdet. … Durch die zeitliche Überschneidung der Organisationsänderung mit den Einsparungsvorhaben ist ein völliger Stillstand zu befürchten. Wir sind davon überzeugt, dass dieser menschenverachtende Wahnsinn das Ende von Lenzing bedeuten kann.“
Staatliche Industrieholding notwendig
Einmal mehr zeigt sich für die Solidar-Werkstatt, wie notwendig es ist, eine staatliche Industrieholding zu schaffen, die strategisches Eigentum an wichtigen österreichischen Industrieunternehmungen hält, um Ausverkauf, Standortschließungen bzw. wahnwitzige Kahlschlagspolitik a`la Lenzing zu verhindern.